Wortloses Gebet

Mein letztes Teisho hier im November handelte vom Leid und dem gleichzeitigen Auftreten von Barmherzigkeit und Liebe.

Ich sagte, dass Leid, Barmherzigkeit, Liebe, Gott und wir selbst nicht voneinander getrennt sind. Nicht voneinander trennbar sind. – Starker Tobak !?

Wir kennen als Christen vielleicht alle den Satz: „Ich bin nur ein Werkzeug des Herrn.“ – Richtig. – Wenn Gott in uns ist, bzw. auch wir nicht trennbar von ihm, dann agiert Gott natürlich auch durch uns.

Klaus erwähnte in seinem 7. Teisho zum Herz-Sutra diesen für mich ganz, ganz tiefen Punkt in unserer menschlichen Verständnismöglichkeit, nämlich, dass gerade die Unbeständigkeit und stete Weiterentwicklung in der sogenannten Leere Leben bedeutet. Nur durch die Materialisation entstehen Formen, die (in unseren Augen) leben und sich wandeln.  Mit oder ohne Zustimmung unseres Egos. Je mehr wir uns aber einlassen können auf unser eigenes Leben und die Anforderungen, die es an uns stellt, desto mehr werden wir dieses oder jenes ertragen können und offener, toleranter und freier werden gegenüber so vielen Dingen. Ich spreche jetzt von unserem alltäglichen Leben, mit all den ständigen Herausforderungen, den Menschen, denen wir begegnen und mit denen wir zu tun haben, dem Alltag, den Umständen usw., denn das hier, jetzt, ist unser Platz, unser jetziges Leben.

Wenn wir aber anfangen unseren inneren Widerstand nur ein bisschen herunterzuschrauben, um ihn so langsam immer mehr aufzugeben, dann beginnt sofort eine spürbare Befreiung.

Kleine Beispiele: Die nervende Kollegin, die einen immer mit den gleichen Dingen zulabert und uns nur die Zeit klaut, der jammernde und meckernde Nachbar, der ständig jeden beschimpft und bei dem keinerlei Argumente helfen, die alte Frau im Supermarkt, deren Krankheiten und Krankengeschichten man kaum entkommen kann und, und…

Da kennt wohl jeder die eine oder andere Situation und Geschichte.

Wenn es uns dann aber doch schonmal gelingt, diese evtl. auch anstrengenden Marotten mancher Menschen zumindest zeitweise zu akzeptieren, bzw. sogar deren evtl. Not zu erkennen und zu spüren, dann ist es vielleicht auch mal wieder einfacher, zuzuhören und sich auf ein kleines Gespräch einzulassen. Mit ganzem Herzen.

Das kann sogar überraschend wohltuend sein für beide Seiten, natürlich nur, wenn wir auch die eigenen Grenzen und Kräfte beachten.

Und dabei zeigt sich dann auch die große Barmherzigkeit durch uns, d.h. wir geben der Barmherzigkeit die Möglichkeit durch uns zu wirken. Wodurch? Durch ein bisschen Loslassen von uns und unseren Vorstellungen und der Gier uns und unser Ego immer nur selbst im Mittelpunkt zu sehen und zu stellen.

Nicht einfach, aber ausbaufähig. Vor allem durch ernsthaftes Sitzen in der Stille und nicht nur durch wohl gemeinte Aufgaben, uns aufgetragen von unserem eigenen Kopf. Bitte keinen Leistungsdruck und keine Überforderung, auch da nicht.

Aber das wirklich Allerschönste dabei ist trotzdem, dass es sich bei diesen Beispielen obendrein um eine Win-Win-Situation handelt, denn durch diese „kleinen“ Geschehnisse freuen sich vielleicht unsere Gesprächspartner, und wir selbst reifen dabei mit und öffnen und weiten uns immer mehr ins große Ganze, in die große Leere hinein.

Und auch hier sind das eigene Leid und der Ärger an der einen oder anderen Beziehung und die sich daraus entwickelnde Barmherzigkeit aufs Engste miteinander verbunden.

Und ebenso hier: Wer hilft da eigentlich wem? Ich selbst der Kollegin oder dem Nachbarn oder sie eigentlich mir? Barmherzigkeit ist überall und in allem. Wir sehen sie nur nicht immer gleich und schon gar nicht ununterbrochen, aber mit Hilfe unseres eigenen Zustands, unserer eigenen inneren Haltung kann sich das langsam verändern. Im Grunde helfe ja nur ICH-MIR (groß geschrieben), aber für unseren menschlichen Anteil (also für das kleine ich-mir), für unsere menschliche Entwicklung ist jedes kleine Loslassen ein Schritt in die Freiheit des großen Einen, Unsagbaren.

Und damit wir uns und in unserer großen Sehnsucht dahin mit unserem menschlichen Ego nicht ständig selbst im Wege stehen, dafür praktizieren wir hier.

Eine gute und von verschiedenen Seiten empfohlene Möglichkeit für unsere Meditation ist z.B. auch das Beten. Zwiesprache mit Gott, dem Göttlichen, dem Unsagbaren. Pater Kopp nannte sogar eines seiner Bücher: „Gebet als Selbstgespräch“ und Perry Schmidt-Leukel schreibt in seinem Buch „Das Wort vom Geheimnis der Welt“ auf S.125: „Zudem ist das Bittgebet keine rein christliche Praxis. Es findet sich in allen großen Religionen dieser Welt.“ Das war mir so auch noch nicht klar, aber ganz offenbar ist es etwas zutiefst Menschliches auf der Suche nach Trost und Erlösung vom Leid und auf der Suche nach Antworten auf alle ernsthaften Fragen nach dem Leben und der eigenen Existenz.

Und was bedeutet nun eigentlich ein Gebet oder Bittgebet? Die direkte Erfüllung meines Wunsches? – Nein, natürlich nicht!

Dem Dalai Lama ist so oder ähnlich der Satz zugeschrieben worden: „Manchmal ist es besser, wenn einem ein Wunsch nicht erfüllt wird.“ – Wie wahr!

Denn, wie immer auf unserem Weg, kommt es vor allem auf unsere innere Haltung an.

„Man kann um alles bitten“, so das manchen von uns bekannte Zitat von Pater Kopp. Ich persönlich empfinde schon das als eine ungeheure Erleichterung und Befreiung! Sich vollkommen rückhaltlos und ohne jede Einschränkung hinwenden zu können an die Schöpfung, das Universum, Gott, das Un-Nennbare, wie auch immer ich es bezeichnen mag. Und in dieser totalen Hinwendung darf ich alles vorbringen. Eine Antwort darauf werde ich sicher nicht so erhalten wie ich sie mir vielleicht vorgestellt hatte, aber ich behaupte, wir erhalten in jedem Falle eine Antwort, wenn vielleicht auch in einem völlig anderen, eher unansehnlichen und unattraktiven Geschenkpapier.

Vielleicht erkennen wir auch überhaupt keine Antwort und fühlen uns bloß allein gelassen und frustriert, aber selbst die nächsten Schritte, die wir dann gezwungen sind, weiterzugehen, sind schon die nächsten Schritte und womöglich genau die, die uns jetzt zugedacht sind.

Annehmen hieße jetzt die Aufgabe und auch Weiterringen! Denn auch das andauernde Ringen gehört schlicht und einfach dazu und ist Teil der unaufhörlichen Veränderung, welche wir Leben nennen. Ich meine mich zu erinnern, dass Pater Kopp mal das Bild von der andauernden Geburt des Universums, den Geburtswehen, in denen sich die Schöpfung sozusagen befindet, gebrauchte. Und wir sind eben mittendrin dabei.

Deswegen können und müssten wir eigentlich ununterbrochen beten, denn unser Leben, das Leben selbst liefert uns ja immer und genug Grund dafür. Im doppelten Sinne sogar: einen guten und stabilen Grund, auf den wir uns verlassen können und genügend Gründe, wegen derer es sich zu beten lohnt. Und genau das ist eigentlich auch eine gute Beschreibung dessen, was wir hier sowieso tun. – Ununterbrochen beten. Mit und ohne Worte, mit ganzer Kraft, ganzem Einsatz, mit unserer ganzen Person. Das ist das „Wie“. Und auf die Frage: „Wo?“ kann ich nur sagen: „Immer und überall!“ und auf das „Worum?“: „Um alles, was uns gerade wichtig ist“!

So nähern wir uns immer weiter an an das große Unnennbare, die nicht beschreibbare Schöpfung und können schließlich immer mehr und mehr unser eigenes Leben, das Leben insgesamt und den Willen und die Regeln dieser Schöpfung selbst annehmen. – (Wohlgemerkt: das bedeutet natürlich nicht, dass wir uns nur noch total passiv zurücklehnen und quasi ohnmächtig alles über uns ergehen lassen, aber ich denke, das ist klar.) –

Auch im Buddhismus als einer nicht-personalen Religion wird von verschiedenen Zen-Meistern das Beten eindeutig und inständig empfohlen. So von Yamada Kôun Roshi, wenn wir z.B. in unserer Meditation mal wieder alles versucht haben, überhaupt nicht mehr weiter wissen und gefühlt nur noch gegen eine Wand laufen.

Ebenso von dem herausragenden und bedeutenden Zenmeister Dôgen Zenji. Dessen tägliches Gebet mit dem Namen „Hotsuganmon“ wurde auch von Yamada Kôun täglich rezitiert. Dôgen richtet sich darin u.a. an alle Buddhas und Patriarchen, die den Weg schon vollendet haben und an das mitfühlende Herz Buddhas auch ihm Ihre Barmherzigkeit zuteilwerden zu lassen. (Ausführlicher und hochinteressant nachzulesen im Hekiganroku, Fall 44, 62 und 66.)

Dabei handelt es sich hier bei Dôgens Beten sozusagen um die tiefste und reinste Form von Gebet und ebenso um die vollkommen selbstlose Bitte an das mitfühlende Herz Buddhas, nämlich um Barmherzigkeit und die Erlösung der gesamten Schöpfung. Und das können auch wir tun, solange wir leben, ganz gleich, auf welcher Stufe des Weges wir uns gerade befinden, immer voll und ganz und nach unseren derzeitigen Möglichkeiten, jetzt. Denn genau das ist es schon und genau deshalb ist es so ungeheuer wertvoll!

Beten, dass auch uns die unendliche Barmherzigkeit zuteilwerde, im Sinne von uns als untrennbarem Teil der Schöpfung und damit für Alle und Alles!

Aber jeder sollte beten, wie es ihm oder ihr gemäß ist. Bei uns im Christentum beten wir doch letztlich sehr ähnlich, d.h. auf jeden Fall in die große Vollkommenheit hinein, nur, dass wir IHN/SIE/ES als Gott oder Vater und mit dem persönlichen „Du“ ansprechen: „…DEIN Reich komme, DEIN Wille geschehe….“ Das geht für mich ganz genau so tief ins Unbeschreibbare, große Geheimnis hinein, welches wir eben Gott nennen.

Und es geht ja auch hier letztendlich nicht um die Erfüllung eines privaten Wunsches, sondern, genau wie oben schon gesagt, um die vollkommene Annahme dessen, was ER jedem einzelnen von uns und eben auch der gesamten Schöpfung zugedacht hat.

So können wir dann auch selbst nur noch Gebet sein, wortlos und ununterbrochen und ebenso, quasi als Antwort darauf, gleichzeitig die unendliche Barmherzigkeit, die auch allem vollkommenem Beten innewohnt und vor allem immer und überall schon da ist.

Koan und/oder = Gebet? Ich entdecke da sehr große Ähnlichkeiten!

Möge es uns also geschenkt werden, unsere Widerstände immer weiter aufzugeben und uns in unsere innere Haltung immer tiefer hineinzubegeben. Bis sich die Worte erübrigen.

Das wünsche ich uns allen!

 

Ich danke Euch.

UR-F