Weit und leer

Das Hekiganroku (jap.) oder im chinesischen Original Bi-Yän-Lu, ins Deutsche übersetzt: Die Aufzeichnungen des Meisters vom Blauen Fels, beginnt seine 100 Koans, die jeweils um eine Einführung und einen Vers ergänzt werden, mit einem kraftvollen Paukenschlag:

Kaiser Bu von Ryô fragte den Großmeister Bodhidharma: „Was ist der tiefste Sinn der Heiligen Wahrheit?“ Bodhidharma antwortete: „Unendlich weit und leer, nichts von heilig.“

Da fragte der Kaiser: „Und wer bist du – mir gegenüber?“ Bodhidharma erwiderte: „Ich weiß es nicht.“ Der Kaiser verstand nichts.

Schließlich überquerte Bodhidharma den Jangtse-Strom und gelangte ins Königreich Gi. …

Und der Vers dazu lautet:

Die Heilige Wahrheit – weit und leer
Wie könnt ihr je den klaren Punkt erkennen?
Auf die Frage: „Wer bist du – mir gegenüber?“,
war seine Antwort: „Ich weiß es nicht.“
Daraufhin überquerte er heimlich den Jangtse-Fluss.

Vergeblich sehnte sich der Kaiser nach ihm,
tausend und zehntausend Jahre lang.
Gebt dieses Sehnen auf!
Kennt der Wind, der die Erde umkreist, eine Grenze?

In diesem Koan Nr. 1 wird in der dem Zen eigentümlichen zugleich klaren wie geheimnisvoll anmutenden Weise nicht nur der Beginn der chinesischen Zen-Tradition herausgestellt, sondern auch der Kern der Zen-Sicht auf Wirklichkeit, Leben und Wahrheit verdeutlicht.

Im ersten Teil des Falls, auf den ich mich heute allein konzentriere, wird uns ein Dialog zwischen dem Kaiser und Bodhidharma geschildert, dem 28. Zen-Patriarchen, der „aus dem Westen“, also Indien, nach China gereist war. Von diesem Kaiser wird berichtet, dass er nicht nur ein großer Förderer des Buddhismus war, indem er Tempel errichten ließ und die Klöster unterstützte, sondern auch ein buddhistisch gelehrter Kaiser war.

Und so begegnet er nun diesem neuen Mönch namens Bodhidharma, der durch sein „Kommen aus dem Westen“ die Grundlage für die Herausbildung des Zen-Buddhismus legte, wie er sich sodann durch Einflüsse des Daoismus zu dem Zen entwickelte, wie es mit weiteren Einflüssen später in Japan zu dem wurde, was wir heute als Zen-Buddhismus oder, noch weiterentwickelt und mit westlichen Einflüssen versehen, einfach als Zen bezeichnen. Und dieses Zen, welches Bodhidharma verkörperte, war radikal. Es war eine Richtung oder Schule in der buddhistischen Tradition, die die „achte Speiche“ des Dharma-Rads von Shakyamuni Buddha in den Vordergrund rückte und dezidiert auf eine körperlich-geistige Praxis der Versenkung in Meditation setzte. Es verwundert daher nicht, dass Bodhidharma, dem Pionier des Zen in China, die Quintessenz des Zen-Buddhismus in den Mund gelegt wird,[1] die wir vielleicht alle schon gelesen und/oder gehört haben:

Eine besondere Überlieferung außerhalb der Lehre,
Die sich nicht auf Schriftzeichen gründet,
Unmittelbar auf das Herz des Menschen zeigt:
Die [eigene] Natur zu schauen und Buddha zu werden![2]

Auf dieser Wellenlänge bewegt sich die Aussage „Nichts von heilig“. Sie will die üblichen Vorstellungen und die damit verbundenen Wünsche beseitigen, damit sie nicht als Hindernisse wirken, die sie tatsächlich sind, wenn wir uns ihrer nicht wirklich entledigen. Denn mit begrifflichen Vorstellungen von etwas Besonderem und damit ja auch etwas Gesondertem, also etwas Getrenntem, können wir die universale Lebens-Wirklichkeit nicht wirklich fassen.[3] Das ist letztlich, im tiefsten Wesen, jedem ernsthaft Suchenden auch natürlich bewusst. Aber immer wieder mischt sich das Sehnen nach Zuflucht, nach Schutz, Geborgenheit, Gewissheit, Sicherheit und nach sozusagen endgültiger Durchsicht ein. Und verhindert genau dadurch das, was sie ersehnt, zu erhalten.

Der Kaiser spricht von einer Wahrheit, die er als „heilig“ bezeichnet und so begreift. Er fragt nun nach dem tiefsten Sinn dieser Heiligen Wahrheit. Nimmt man das wörtlich/begrifflich, dann fragt er nach einem Art Wesenskern dieser Heiligen Wahrheit.

Wie auch immer wir uns analysierend die Worte dieser Frage des Kaisers zu erfassen versuchen, bleibt es dabei, dass der Kaiser an einem Konzept von Heiligkeit haftete[4] und dass er die buddhistische Weltsicht bis ins Letzte erklärt haben wollte.

Aber was tut Bodhidharma als Zen-Mensch? Er versucht, dem Fragenden das Konzept zu nehmen, und zwar jegliches Konzept überhaupt in Bezug auf den Fragegegenstand und den Fragenden selbst, der, ohne es zu merken, als Subjekt, als das er sich sieht, ja doch auch der Fragegegenstand selbst ist.[5] Subjekt und Objekt sind nicht voneinander getrennt und nicht ein Verschiedenes. So ist der Blick von Bodhidharma, Genau dies, nämlich die Erfahrung, dass sog. Erscheinungswelt, in der es Subjekt und Objekt gibt, und sog. Wesenswelt, in der es eine solche Unterschiedlichkeit nicht gibt, eine Wirklichkeit ist[6], die also in Raum und Zeit ungetrennt und zugleich ist, drückt Bodhidharma mit seiner Wirklichkeits-Aussage: „Unendlich weit und leer, nichts von heilig“ aus.

Das ist der wichtigste Punkt des Koans:[7]

  • Unendlich weit, wie sollte da etwas von heilig herausgelöst werden können?
  • Unendlich leer, wie sollte da etwas wie heilig aufgefunden werden können?
  • Selbst die Bezeichnungen „leer und weit“ schießen übers Ziel hinaus, denn sie täuschen ja nach herkömmlichem Verständnis vor, da wäre etwas, das zu Recht die Bezeichnung „leer und weit“ trüge.[8]

Nur in der tatsächlichen Erfahrung von „Unendlich weit und leer, nichts von heilig“ kann – und das ist der zweite wichtige Inhalt der Aussage von Bodhidharma – die Überschreitung der beiden (nur) begrifflich getrennten Welten von Erscheinung und Wesen im Sinne der sog. Heiligen Wahrheit als vollständig in eins fallend erfolgen. Nur auf diese faktische Weise, nicht aber auf der Ebene der philosophischen oder spirituellen Konzepte, ist dies möglich. Und nur dann kannst du zum inneren Frieden kommen.[9]

Nur dadurch auch kann dieses Nicht-Wissen, welches im weiteren Verlauf des Koans eine wichtige Rolle einnimmt, in seinem faktischen Gehalt wirklich erfasst werden. Das Koan setzt sich ja so fort:

Da fragte der Kaiser: „Und wer bist du – mir gegenüber?“ Bodhidharma erwiderte: „Ich weiß es nicht.“ Der Kaiser verstand nichts.

Diese zweite Frage des Kaisers ist eine Reaktion auf die Antwort Bodhidharmas auf die erste Frage nach dem tiefsten Sinn. Offensichtlich verstand schon da der Kaiser nichts bzw. etwas, was Bodhidharma aber gar nicht – sich in seinem tiefsten Wesen präsentierend –, gesagt hatte. Der Kaiser sah Bodhidharma wohl als einen heiligen Menschen an und ist deshalb offenbar völlig verwirrt, dass ein solcher Heiliger zum tiefsten Sinn der Heiligen Wahrheit sagt: „Nichts von heilig!“[10] Der Originaltext dazu lautet: fushiki (fu = nein, nicht; kein; shiki = Wissen). In englischer Sprache wäre also eigentlich die korrekte Übersetzung der Antwort von Bodhidharma: „No knowing“ und nicht: „I don’t know“[11]. Ins Deutsche übertragen: „Nicht-Wissen“.

So wird deutlich, was Bodhidharma hier wirklich ausdrückt: (auch) er selbst ist diese offene Weite, dieses unendlich weit und leer. Und nichts von heilig ist dort zu sehen. Auch nichts von Gegenüber, von dem der Kaiser sprach.

Nicht-Wissen als Erfahrung vollständiger geistlicher Armut, in der du immer näher, dichter und intimer heranrückst an das Nichtverstehen-, das Nichtwissen-Können und das Faktum eines bloßen So-Seins von Kommen und Gehen aller Phänomene.

Das ist im Nicht-Wissen verweilen![12] Diskussionen begrifflicher, konzeptioneller, theologischer Art durchschauen, am besten meiden.

Wenn du aber, wie schon Meister Rinzai gewarnt hat,
das Heilige liebst und das Gewöhnliche verachtest, treibst du nur immer weiter auf dem Meer der Verblendung.[13]

Charlotte Joko Beck führt dazu unter anderem dies aus:

… das Gewöhnliche ist nur ein Ausdruck des Heiligen. Zwischen beiden gibt es keinen Unterschied, beides ist absolut ein und dieselbe Sache. … Jede einzelne Handlung ist, sofern man dabei gewahr ist, sowohl gewöhnlich als auch heilig. Wenn wir diese Nicht-Dualität zwischen Alltäglichem und Sakralem sehen, ohne uns dies nur einzureden und uns innerlich zu verbiegen, lernen wir eine Freude kennen, die sowohl die angenehmen als auch die unerwünschten Erlebnisse durchdringt.

Unser Leben ist eine einzige Aneinanderreihung von Erfahrungen … Die Praxis ermöglicht es uns, jeden einzelnen Augenblick unseres Lebens – einen nach dem anderen – ohne Urteil oder Manipulation zu erleben, ohne den Versuch, ihn zu verbessern, an ihm festzuhalten oder vor ihm wegzurennen.[14]

Gewahrsein von Nicht-Dualität zwischen Alltäglichem und Sakralem in einem selbstverständlichen natürlichen Reagieren in einem „Einfach dies“, das ist es, im Nicht-Wissen zu verweilen, um das bereits Gesagte mit anderen Worten, aber in völliger Identität mit dem Gemeinten, auszudrücken.

Danke!

KF

 

 

[1] Zu dieser wohl nachträglichen Zuschreibung vgl. bei Dietrich Roloff, S. 56 m. w. N.

[2] Fassung von Dietrich Roloff, a.a.O. Besser wäre es zu sagen: „Buddhaschaft zu realisieren“.

[3] Vgl. schon gestern Soko Morinaga, in: Die Meißelschrift vom Vertrauen in den Geist – Shinjinmei, 2019, S. 180: „Wenn ihr die Wahrheit nicht erkennt und stattdessen in Teile trennt oder in dualistischen Worten über alles nachdenkt und wenn ihr dann in dieser Begrenzungen unterliegenden Betrachtungsweise etwas als „das Höchste“ erfasst – das ist Verblendung.“

[4] Vgl. Yamada Kôun, a.a.O.

[5] Die moderne Quantentheorie der Physik lässt grüßen.

[6] Die sog. Lebens-Wirklichkeit, wie ich sie mit Kocho Uchiyama bezeichne.

[7] Yamada Kôun, a.a.O.

[8] Dietrich Roloff, a.a.O., S. 57.

[9] Vgl. das obige Zitat im Kommentar von Meister Engo zum Fall.

[10] Vgl. den Kommentar von Engo in: Thomas & J.C. Cleary, a.a.O., S. 4.

[11] Katsuki Sekida, Two Zen Classics, S. 148.

[12] Dazu vgl auch in: Ein Nicht-Buddhist fragt Buddha, S. 349 ff.

[13] Zitiert nach Charlotte Joko Beck, Zen und das alltägliche Wunder, 2022, S. 126, von Ihr als Eingangszitat zum Kapitel „Was ist Praxis“. Unterstreichungen von mir.

[14] A.a.O., S. 127 f.