Von Dôgen Zenji, dem berühmten japanischen Zen-Meister des 13. Jahrhunderts, stammt der folgende Satz in seinem Kapitel Fukanzazengi (Universelle Anleitung zum Zazen):
Wenn du die Dinge sehen willst, so wie sie sind, musst du – hier und jetzt – ganz du selbst sein, so wie du bist.
Wie soll man das eigentlich anstellen, ganz selbst zu sein, so wie man ist, also ohne jegliche Vorbehalte und Einschränkungen bzw. Ausgrenzungen.
Wie geht das? Was ist dafür nötig?
Eine Haltung der Sorge, das ist es, was ein Schlüssel auch für unsere Zen-Übung sein kann. Im Zen spricht man ja immer vom „Sterben auf dem Kissen“. Wir lesen und hören es bedrohlich etwa so: „Du musst auf dem Kissen sterben!“, schrecken zurück und wissen nicht, was tun. Und vor allem geht es vielen oftmals so, dass sie sich fragen: „Will ich das überhaupt? Ich möchte doch das Gegenteil!“ Und dann hören sie, dass es genau darum geht: Das eine ermöglicht, besser: ist zugleich das andere.
Was soll sterben? Das, was wir Ego nennen. Wenn es um ein „Sterben (des Egos) auf dem Kissen“ geht, ist spirituell nichts so wichtig wie eine Haltung der Sorge, die auf die Not des sterbenden Ichs zu antworten versteht, so habe ich es vor längerer Zeit mal formuliert. Diese Aussage steht weiterhin.
Das heißt zunächst, dies überhaupt als Not zu erkennen und es nicht nur, wozu wir oftmals in erster Linie tendieren, als Widerstand aufzufassen! Als Widerstand gesehen, weckt eine solche Empfindung fatalerweise die Gegentendenz, nämlich Widerstand mit Widerstand zu erwidern – und ihn so zu bekämpfen versuchen. Dann aber ist eine endlose Negativspirale in Gang gesetzt, in der die Spaltung zwischen dem, der ich gerne wäre, und dem, der ich tatsächlich (!) bin, nur verfestigt oder sogar vertieft wird.
Demgegenüber tut es not (!), uns selbst erst einmal in unserer leiblich/körperlichen, unserer geistig/seelischen und unserer sozial bedingten Verletzlichkeit zu erkennen. Denn all diese Faktoren unserer Grundverletzlichkeit betreffen unsere Ich-Identität. Und daher sind sie in der Lage, uns in unserer Ich-Wahrnehmung zu bedrohen und Ängste vor Verlust oder Verletzungen auszulösen. Aber dahinter steht die Not des verletzlichen und sich bedroht fühlenden Ichs.
Wenn es dann aber mal „Klick“ macht, dass wir nur in dem Bereich des gewöhnlichen Ich-Bewusstseins, d.h. aus der Perspektive des „kleinen“ Ichs betrachtet, verletzlich sein können, können wir zu der Haltung der Sorge finden, die durch Achtung gekennzeichnet und von dem Bemühen getragen ist, den schützenswerten Kern dessen, was unsere Identität ausmacht, zur freien und vollkommenen Entfaltung gelangen zu lassen. So bekommt unser Ich mit all seinen Kräften, die zu einem guten Teil unser Überleben (individuell und kollektiv) gewährleisten, die Richtung aufgezeigt, in der die Verletzlichkeit zurücktreten und die Angst vor einer Unwiederbringlichkeit einer Auflösung oder einem „Vergehen–Wohin?“ schwinden kann.
Damit wir uns in der Sorge für den je eigenen Wesenskern aufgehoben fühlen können – und so die Kontrolle abgeben können –, ist es nötig, um dies noch einmal zu betonen, dass die Haltung der Sorge für uns selbst ohne jegliche Bevormundung und Besserwisserei uns selbst gegenüber auskommt.
Diese Sorge gilt uns, so wie wir gerade sind.
Diese Haltung der Sorge ist auch das, was Gemeinschaft im Wesenskern ausmacht. Jeder ist so angenommen, wie er ist. Das macht den Mehrwert aus, wenn eine Gruppe wie unsere gemeinschaftlich praktiziert. Wir alle tragen das Gebilde der Gemeinschaft in Sorge für uns.
Aber es wäre nur eine sehr verkürzte und damit unvollständige Haltung, wollte man die Sorge nur auf sich und andere Meditierende beziehen. Wie beim christlichen Verständnis der sog. Nächstenliebe geht es viel weiter.
Die Geschöpfe sind zahllos. ICH gelobe, sie alle zu retten.
Die Leidenschaften sind unzählig. ICH gelobe, sie alle zu überwinden.
Die Tore der Wahrheit sind mannigfach. ICH gelobe, sie alle zu durchschreiten.
Der Weg des Wahren Selbst ist unübertrefflich. ICH gelobe, ihn zu gehen.
All dies geloben wir in der Haltung der Sorge, für uns selbst, für die anderen neben mir und für alle Wesen.
Damit einher geht eine Entgrenzung. Wie kann sie gelingen? Welche Faktoren sind dabei „im Spiel“? Wie sieht es da mit dem „Sorge tragen für“ aus?
Ein Koan (Shôyôroku Nr. 94: Tôzan ist krank) lautet so:
Tôzan war krank. Ein Mönch fragte ihn: „Ihr, Meister seid krank. Gibt es denn jemand, der nicht krank wird?“ Tôzan sagte: „Den gibt es.“ Der Mönch sagte: „Pflegt euch, Meister, derjenige, der nicht krank wird?“ Tôzan sagte: „Der alte Mönch pflegt den anderen wahrhaft gut.“ Der Mönch sagte: „Wie ist es, wenn ihr, Meister, den anderen pflegt?“ Tôzan sagte: „Der alte Mönch sieht keine Spur von Krankheit.
Tôzan ist krank, krank im herkömmlichen Sinne, vielleicht – wie Meister Ba in einem anderen Fall (Hekiganroku Nr. 3) – sogar sterbenskrank. Mir scheint, der Mönch möchte seinen Meister an die von beiden bereits erfahrene Wesens-Wirklichkeit erinnern, in der es „kein Gehen und Kommen, kein Gesund und Krank“ in unterscheidender Gegensätzlichkeit gibt, um ihn auf den Trost und den Frieden auszurichten, „den die Welt nicht gibt“ (Joh 14,27, Einheitsübersetzung), „den die Welt nicht geben kann“ (a.a.O, Neue Genfer Übersetzung (NGÜ)). Und so kommt die Antwort des Tôzan: „Ja, den gibt es!“, nicht überraschend.
Die nachfolgende Frage: „Pflegt euch derjenige, der nicht krank wird?“, folgt weiter einem uns aus religiösen Zusammenhängen landläufig wohlbekanntem Muster: Die geheimnisvolle Wirklichkeit des Absoluten soll im Leid den Trost bringen als etwas, das von Krankheit und Tod nicht tangiert ist. Aber das ist dann eine getrennte Welt, eine dualistisch aufgeteilte Welt von relativer (phänomenaler) und absoluter Wirklichkeit.
Tôzan hat aber als Zen-Meister schon tief erfahren, dass beide Realitäten in Wirklichkeit nur eine sind, dass die phänomenale und oft durch erbärmliche Gebrechlichkeit, Schmerz und Leid gekennzeichnete Welt und die unendliche, schmerz- und leidfreie Welt nicht getrennt sind. Erfahren als unmittelbare Wirklichkeit, nicht als Denk- oder Glaubensmodell.
Deswegen kann Tôzan die Sache umdrehen, und tut dies, indem er sagt: „Ich, der alte Mönch, pflege den anderen gut.“ Das klingt zunächst nur wie eine Umkehrung der Dualität, ohne diese aber zu verlassen. Aber so ist es nicht! So auch nicht, wenn Tôzan abschließend sagt, in der Pflege des anderen „keine Spur von Krankheit“ zu sehen.
Wie das? Der alte Meister ist in der Berührung mit der absoluten, der göttlichen Wirklichkeit mitten in der Krankheit und dem Schmerz zutiefst gesund: „Au, oh tut das weh! Au!!“ So trägt er Sorge für sich in einer Entgrenzung seines Egos – in vollkommener Annahme.
„Zazen zu praktizieren, bedeutet, immer mehr zu erfahren, dass Du nahtlos mit dem ganzen Universum verbunden bist.“ (Kodo Sawaki)
Nahtlos verbunden sein, das ist die Ausrichtung der Zen-Übung. Jegliche Verbindung ist im Grunde eine nahtlose. Tragen wir Sorge dafür, dies zu realisieren!
Danke!
(Aus dem Teisho am monatlichen Donnerstags-Zazenkai am 20. 3. 2025 in Hattingen-Welper)
KF