Ich heiße euch alle sehr herzlich willkommen zu diesem frühsommerlichen Zazen-Kai! Unser besonderes Gedenken gilt heute Pater Johannes, denn in diesem Monat, am 22. Juni jährt sich sein Todestag zum 10. Mal. Und so möchte ich heute über etwas sprechen, das auch ein Herzensanliegen von Pater Johannes war.
„Mit Gefühl. Sieben Wochen ohne Härte!“ So lautete das diesjährige Motto einer Fasteninitiative der Evangelischen Kirche – es ging darum, „auf eine Sache zu verzichten, die uns nicht guttut, damit wir dadurch etwas gewinnen können, was wir dringend brauchen“. Was fehlt uns denn? was brauchen wir so dringend? WIR, damit ist das persönlich-individuelle Fasten überschritten hinein in die gemeinschaftliche Dimension: was fehlt uns als Gemeinschaft, was brauchen wir als Gesellschaft dringend? ich zitiere die Autoren (sinngemäß): „Sieben Wochen wollen wir in diesem Jahr darauf verzichten, Herz und Kopf so hart zu machen, dass wir damit durch die Wand kommen. Stattdessen wollen wir wahrnehmen, hinsehen, fühlen, [schauen][1], wo die Tür ist. Wir wollen … beeindruckbar … werden, weich und voller Mitgefühl. Weil wir … der Ansicht sind, dass wir alle das dringend brauchen können …“[2]
Wer würde dem nicht zustimmen? Mich macht es sehr betroffen, in einer Zeit zu leben, in der der Ton in Gesellschaft und Politik immer rauer wird, zuhören und miteinander sprechen immer schwieriger wird, Diskurse sich in Fronten verhärten, Abgrenzung und Ausgrenzung wieder salonfähig werden und der Mangel an Mitgefühl immer größer wird. Seit Jahren gibt es eine immer stärkere Ent-solidarisierung und eine abwertende, gering-schätzige Haltung gegenüber den Schwachen und Benachteiligten an den Rändern der Gesellschaft, den Geflüchteten, den Arbeitslosen. Die Armut – besonders alter Menschen, Allein-Erziehender und Kinder wächst eklatant; parallel dazu ein fast unvorstellbarer Reichtum weniger Privilegierter, die mit ihrer ökonomischen Macht auch ihre politischen Interessen auf dem Rücken und zum Schaden Vieler ausüben. Polarisierung, Spaltung, Vereinzelung – die Liste könnte fortgesetzt werden.
„Höchste Zeit für Barmherzigkeit“[3] – Papst Franziskus hatte 2015/16 ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“[4] Diese Weisung ist aktueller und dringlicher denn je! Ja, es erscheint mir not-wendig und not-wendend, sich an das Wesentliche, an das Wesen zu erinnern. „Mit Gefühl – ohne Härte, mit Mit-Gefühl“ darum geht es wesentlich auch in unserem Programm Leben aus der Mitte.
Was ist Zazen? Was geschieht im Sitzen auf dem Kissen in der Stille? Was hat Zazen mit Gefühl, mit Mit-Gefühl zu tun? „Sich setzen heißt sich erbarmen“, sagte Pater Johannes.[5] Erbarmen und Barmherzigkeit (die biblischen Worte für Mitgefühl) sind Schlüsselbegriffe, Wesens-Begriffe christlicher Botschaft.[6] Ein anderer Name Jesu Christi IST Barmherzigkeit.
Es lohnt sich, der Wortbedeutung in ihrem biblischen Ursprung ein wenig nachzugehen. „Das hebräische Wort für Erbarmen heißt rahamin. Die Plural-Form bedeutet Eingeweide [das weiche Innere]. In der Einzahl rehem ist es der Mutterschoß.“[7] Mit diesen beiden Worten sind die Qualitäten des Lebens-Spendens und des Leben-Schützens angesprochen. Leben geben und ermöglichen, Leben schützen und bewahren, Leben zu voller Entfaltung aufblühen lassen, das sind Wesens-Anliegen des biblischen Gottes, die in vielfältigen Bildern und Geschichten der Hl. Schrift immer wieder bezeugt sind. ER ist der Gott des Lebens, der das Leben in Fülle und einen lebendig machenden Geist schenken will. „Ich werde ihnen ein neues Herz und einen neuen Geist geben. Ich nehme das versteinerte Herz aus ihrer Brust und schenke ihnen ein Herz, das lebt.“[8]
Weich da sein, aus dem weichen Inneren heraus leben, sich nicht ver-härten, diese Aspekte finden sich auch in der Übersetzung ins Griechische. „Bekleidet Euch mit herzlichem Erbarmen“[9] heißt es im Brief an die Kolosser und wörtlich übersetzt müsste es lauten: „Seid barmherzig aus Euren Eingeweiden heraus.“[10] Im Lateinischen ist noch das Herz erhalten in der Übersetzung miseri-cordia: das Herz, das sich der Misere, dem Elend, der Not der Bedürftigen zuwendet und sich ihrer erbarmt, d.h. ihnen tätig zu Hilfe kommt.
Diese körperliche Komponente, die Verwurzelung dieser Qualität der Barmherzigkeit im Leib ist absolut zentral: es ist eine verkörperte Herz-Geist-Qualität. „Das „rechte Dasein“, so Pater Johannes, ist ein „leib-erfühltes“ und „geist-erfülltes“[11], eine Einheit und Ganzheit, in der Leib und Geist nicht mehr voneinander unterschieden werden können.
„Sich setzen heißt sich erbarmen“[12] – ich glaube, wir alle haben schon im Laufe eines Sesshins (oder auch einer mehrjährigen Praxis) erlebt, dass, wie der Name „Sesshin“ sagt, unser Herz berührt wird, weich(er) wird, Verhärtungen, Begrenzungen, Hartes, an das und an dem wir uns stoßen, geschmeidiger werden, sich lösen und schließlich mehr und mehr auf-lösen. Dass wir uns nach einigen Tagen in der Stille wieder lebendiger, fließender, im Fluss und im Ein-Klang mit dem Leben fühlen. Wie ist das möglich? Es ist ein geheimnisvoller Prozess und wir alle können bezeugen, dass das geschieht. Der Schlüssel zu diesem geheimnisvollen Prozess ist die Stille, das Geheimnis selbst, das immer da ist und uns bergend, barmherzig umhüllt, und der Weg dorthin ist, dass wir uns der Stille ganz hingeben – ganz Hingabe sind an das einfache Dasein in Körper und Geist, an den Atem, an das Gegenwärtig-Sein und das einfache Wahrnehmen, Spüren, Fühlen, Er-spüren der Wirklichkeit. Der Weg zur Barmherzigkeit und zum Wahren Selbst ist ein Spür-Weg. Der Weg geht über den Körper, ja der Körper IST der Weg: „Sie haben einen Körper, also können Sie auch Erleuchtung erlangen“, antwortete Harada-Roshi auf die Frage Lassalles, ob auch er als Christ erleuchtet werden könne. Der Körper IST der Weg und er führt ins Körper-lose.
Im Zazen, in Aufmerksamkeit und Konzentration auf das Geschehen des Atems, kommt der Modus des Denkens allmählich immer mehr zur Ruhe und wir wechseln in einen Modus des Spürens bis hin zu einem Zustand des Nicht-mehr-Denkens, des Nicht-Denkens (jap. munen muso). Es braucht oft einen langen Anweg, viel Zeit, Geduld und eine intensive, kontinuierliche Praxis, bis dieser Wechsel eintreten kann, denn wir sind in unserer westlichen Kultur denk- und vernunft-orientiert, oft so ver-kopft, dass unser Körper-Bewusstsein kaum oder gar nicht entwickelt ist, und wir trauen unserer Ratio weit mehr als unserem Gefühl und unserer Intuition. Im einfachen Dasein jedoch, atmend, den Atem spürend, beginnt sich nun unser Spürvermögen zu entfalten und immer mehr zu verfeinern. Spürsam im Kontakt mit dem Boden wird uns bewusst, dass eine Berührung stattfindet – meine Füße berühren den Boden, er-spüren den Boden, aber zugleich berührt der Boden mich und ich erspüre mich selbst in diesem Kontakt. Den Boden, die Erde empfangend, empfängt mich der Boden und ich mich selbst. In diesem Spüren findet – prä-verbal, vor-begrifflich, intuitiv, körperlich, körper-gebunden – Erkenntnis meiner selbst und Eins-werdung mit mir selbst statt.
Mit anderen Worten: Spüren ist ein Modus der Erkenntnis, der Selbst-erkenntnis durch Bewusst-werdung, der in ein Dasein in immer größerer und größt-möglicher Bewusstheit in allen Bereichen des Erlebens führt. Spüren ermöglicht überhaupt Erfahrung und eben spezifisch erfahrungs-basierte Einsicht als weisheitliche Erkenntnis, denn Erfahrung „wird … nicht erdacht, sondern erspürt“.[13] Das Denken kann diese Einsicht nicht bewirken.
Petra Schmitz-Arenst
(Dies ist Teil 1 des Teishos, welches Petra am 7. Juni in Hattingen-Welper gehalten hat. Teil 2 folgt in ca. 2 Wochen.)
[1] Die in eckigen Klammern gesetzten Worte sind von der Verfasserin zur Verdeutlichung eingefügt.
[2] (Fastenmail – „7 Wochen ohne“ vom 04.02.2026).
[3] Titel eines Buches von Tina Willms, Inspirationen zur Jahreslosung und den Monatssprüchen 2021, Neukirchener Verlagsgesellschaft.
[4] (Lk 6,36).
[5] Johannes Kopp, Schneeflocken fallen in die Sonne, 1994, S. 150.
[6] Es spricht schon für sich, dass das Wort „Barmherzigkeit“ in der Bibel mehr als 250 Mal vorkommt: https://www.ecosia.org/search?q=wie+oft+kommt+das+wort+barmherzigkeit+in+der+bibel+vor%3F&method=ecosiabrowsertopbar
[7] [die Gebärmutter] Ebda. S. 152.
[8] (Ez 11,19; Übersetzung: Gute Nachricht Bibel, PSL S.103).
[9] (Kol 3,12.)
[10] Ebda. S. 152.
[11] Ebda. S. 150.
[12] Ebda. S. 150.
[13] Ebda. S. 155.

