Kenntnis von sich selbst

Herzlich willkommen zum heutigen Zazenkai am Donnerstag hier in Hattingen-Welper in unserem Zendo.

Ein wertvoller Tag in der Stille, ein wertvoller Tag im Schweigen und ein wertvoller Tag mit dir selbst. So möchte ich heute über Kenntnis von sich selbst sprechen.

Auch wenn der Beginn des Neuen Jahres schon einige Wochen her ist, möchte ich nochmal darauf zurückkommen. Für mich haben die ersten Tage im Neuen Jahr eher sehr still begonnen in der Trauer über den Tod einer mir sehr nahestehenden Freundin. Manchmal war es so, dass ich dachte, so kenne ich mich ja gar nicht. In diesen Tagen bin auf zwei kleine Sätze von Frere Roger aufmerksam geworden. Ich glaube, Frere Roger ist allen hier durchaus bekannt. Er ist der Gründer der ökumenischen Bruderschaft von Taize. Vielleicht erinnern sich auch einige von euch, dass er 2005 während eines Abendgebetes niedergestochen wurde und an seinen Verletzungen verstarb.

Frere Roger sagt:

Die Kenntnis, die ein Mensch von sich selbst hat, ist begrenzt.
Durch Gott allein lernt der Mensch sich vollends kennen.

Ich glaube, dass wir als Menschen mit unserem Denken und unserem Verstand immer wieder an Grenzen kommen, dass wir uns selbst auch in Begrenzung erleben und erfahren. Begrenzung bedeutet ja auch immer, da gibt es etwas bis zu einer Grenze und dann gibt es etwas darüber hinaus – also ein Hier und ein Dort, ein Dies und ein Jenes, es gibt immer den Unterschied, es gibt immer eine Zweiheit. Ich möchte auch sagen, dass wir als Menschen durchaus Grenzen schaffen.

Kenntnis von uns selbst, die Kenntnis von sich selbst – da bleibt die Frage:

Wer bin ich wirklich? Wer bin ich?

Eine sehr wichtige Frage, wer bin ich?

So möchte ich auf eine sehr persönliche, eigene Erfahrung zurückblicken und davon erzählen. Eine Zeit, in der für mich genau diese Frage ganz entscheidend war.

Wer bin ich denn wirklich? So kenne ich mich überhaupt nicht mehr. Werde ich überhaupt erkannt, wie und wer ich wirklich bin und weiß ich überhaupt, wie und wer ich wirklich bin?

Es war für mich eine Zeit von ganz großer Verunsicherung. Es spielt jetzt keine Rolle, durch welche Erkrankung mein Zustand ausgelöst wurde. Ich habe jedenfalls eine Zeit von weit über vier Monaten erlebt als junge Frau, meine beiden Kinder waren noch nicht in der Schule, die jüngere Tochter konnte grade mal erst ein wenig sprechen, in der ich völlig entstellt war. Mein Gesicht, meine Arme, mein Oberkörper waren dick angeschwollen, gerötet und voller nässender Stellen.

Ich habe in den Spiegel geschaut und habe mich nicht mehr erkannt.
Wer ist diese Frau, die da in den Spiegel schaut?
Das bin doch nicht ich? Das kann ich doch gar nicht sein!

Alle Vorstellungen von meinem Ich wurden durch dieses Aussehen, durch das, was mir da entgegenblickte, völlig zerstört und über den Haufen geworfen. Was bleibt da übrig? Wer ist dieses Ich?

Ich habe mich nicht mehr getraut die Türe zu öffnen und unter Menschen zu gehen und habe mich gefragt: Erkennen meine Kinder mich überhaupt noch? Vielleicht war mir da meine kleine Tochter in ihrem ganz natürlichen Wesen die größte Offenbarung, die auf mich zulief, mich einfach nur anstrahlte und „Mama“ sagte.

Wer bin ich wirklich?

Ich denke, dass das, was ich grade von mir selbst erzählt habe, natürlich meine ganz persönliche Erfahrung ist. Ich glaube jedoch, dass auch jede und jeder von euch sich vielleicht an eigene Zeiten im Leben erinnern kann, solche Zeiten erlebt hat, in ganz unterschiedlichen Situationen und Kontexten, in denen auch diese Frage: „Wer bin ich denn wirklich?“ euch sehr beschäftigt hat, sie drängend im Vordergrund stand oder steht.

Frere Roger sagt in seinem zweiten Satz:

Durch Gott allein lernt der Mensch sich vollends kennen.

Als ich diesen Satz verinnerlichte, fiel mir die Formulierung von Pater Johannes ein: Sie kam mir sofort in den Sinn:

Gottfindung und Selbstfindung sind eins. Gottfindung ist Selbstfindung.

Sich selbst vollends kennenzulernen ist dem Menschen aus sich heraus nicht möglich, nur begrenzt möglich wie Frere Roger es sagt, aus diesem „kleinen Ich“ heraus ist es uns nicht möglich. Und nun dieser Satz von Pater Johannes: Gottfindung ist Selbstfindung! Gottfindung und Selbstfindung sind eins!

Im Buch: „Mit dem Leib glauben“, finden wir dazu einen kleinen Abschnitt, den ich gerne zitieren möchte. Das Buch entstand nach dem Tod von Pater Johannes und enthält seine persönlichen Aufzeichnungen. Pater Johannes spricht darin von einem notwenigen Zugleich von Gottfindung und Selbstfindung und schreibt über seine erste Zeit der Zen-Praxis:

Zitat Seite 28

In der ersten Zeit meiner Zen-Praxis setzte ich mich auf mein Kissen nur im Schweigen – kein Gedanke, kein Gebet, nur Schweigen. Ich fühlte ein Unbehagen, als säße ich auf einer Straßenkreuzung, mitten in einem gedanklichen und emotionalen Verkehrsgeschehen. Schließlich begann ich mit einem kurzen Gebet, wie ich es in meinem Innersten fühlte. Von da an kam ich zur Ruhe. Und aus dem Schweigen fand ich zu tieferem Gebet, das mich wiederum auch zu tieferer Stille finden ließ. Dies erlebte ich wie eine Initialzündung zu Bereitschaft und Sehnsucht, mich einzulassen in das Zugleich des Weges von Selbstfindung und Gottfindung, wie in einem Doppelpaket: so und nur so.

Dem Christen auf dem Zen-Weg kann sich so, wie eben gehört, die ganze Dimension der Göttlichkeit offenbaren, in diesem notwendigen Zugleich von Gottfindung und Selbstfindung.

Doch bei dieser Frage: Wer bin ich denn wirklich? Wie erkenne ich mich denn wirklich? Wie geht das denn, sich selbst zu erkennen? – bei dieser Frage kann uns auch der Zenmeister Dôgen Zenji unterstützen. Von ihm stammen folgende, bekannte Zeilen:

Den Buddha-Weg zu studieren, heißt sich selbst zu studieren.
Sich selbst zu studieren, bedeutet sich selbst zu vergessen. 

Pater Johannes greift diese Zeilen auf und ergänzt hierzu noch in seinem Buch: Gebet als Selbstgespräch auf Seite 14 und 15:

Der buddhistische Weg zum Absoluten führt ganz und gar über den Menschen.
Für den Weg christlicher Gottfindung heißt das, sich selbst zu studieren, sich selbst auf dem Erfahrungsweg unter das Mikroskop zu legen und dabei zu sehen, was es zu sehen gibt: nämlich: Nichts. Nichts, das nicht Nichts ist.

Einige Zeilen weiter können wir lesen:

Sich selbst zu studieren heißt, nach dem Ich-Teilchen zu suchen, in dem man das Ich verstehen könnte. Man kann aber kein Ich-Element finden, dass das Ich verständlich machen könnte. Je mehr ich nach dem Ich forsche, desto mehr entzieht es sich einem Verständnis, desto durchsichtiger wird alles, was in den Blick kommt.

So haben wir, glaube ich, bis hierher schon in der Zusammenfassung der grundsätzlichen Erkenntnisse, die Pater Johannes für sich gewonnen hat und die er uns hier in unserer Schulung im Zen weiter mit auf den Weg gibt, schon einiges dazu gehört, was es heißt, sich selbst zu finden, sich selbst zu studieren, sich selbst zu erkennen, was es heißt, es in Beziehung zu bringen mit unserem Glauben, es in Beziehung zu bringen mit Gott.

Wenn wir auf die Koan Sammlungen schauen, dann finden wir auch dort diese wichtige Frage: Wer bin ich?

So kam mir das erste Koan im Hekiganroku in den Sinn. Es ist der Fall Bodhidharmas Weit und Leer.

Da gibt es diesen Großmeister Bodhidharma, der zum Kaiser Bu kommt. Der Kaiser Bu fragt den Großmeister nach dem tiefsten Sinn der Heiligen Wahrheit und Bodhidharma antwortet ihm mit „Weit und leer“. Im weiteren Gespräch fragt der Kaiser: „Und wer bist du mir gegenüber? Wer bist du?“ Und Bodhidharma erwidert darauf: „Ich weiß es nicht.“

Ich weiß es nicht!

Was hat diese Antwort des Großmeisters Bodhidharma zu bedeuten? Wie ist seine Antwort gemeint? Das bleibt die Frage in diesem Koan.

Wenn wir nun nochmal zurückkehren: eingangs sprach ich von den beiden Sätzen von Frere Roger und sein zweiter Satz lautete:

Durch Gott allein lernt der Mensch sich vollends kennen.

Wir können genau dazu auch in der Bibel einen Hinweis finden, einen Hinweis zum Erkennen, sich erkennen. Wir finden diesen kleinen Abschnitt im ersten Brief des Apostel Paulus an die Korinther 13.12:

Jetzt sehen wir in einem Spiegel alles rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich ganz erkennen, so wie auch ich ganz erkannt worden bin.

So können wir glaube ich, uns stärken lassen, bestärken lassen auf unserem jeweils eigenen Erfahrungsweg, in der Frage: Wer bin ich? – In der Kenntnis von uns selbst, durch diejenigen, die ich heute hier quasi mit hineingenommen habe in dieses Teisho, den Apostel Paulus mit dem Korintherbrief, den japanischen Zenmeister Dôgen Zenji aus dem 13. Jahrhundert, den Großmeister Bodhidharma, unseren Pater Johannes und Frere Roger.

Die zentrale Frage in unserem Leben bleibt: Wer bin ich wirklich?

Es bleibt wichtig für jeden Menschen, sich mit der Kenntnis von sich selbst zu beschäftigen, sich immer tiefer und tiefer einzulassen auf diese existentielle Frage.

Wenn wir uns in der Übungspraxis des Zazen einfach weiter einlassen im Schweigen, in der Stille verweilen, bei uns selbst oder besser gesagt, in uns selbst verweilen, dann geben wir allem Raum in uns.

So möchte ich nun mit diesen mir so nahegekommenen Sätzen von Frere Roger enden und uns heute in der Stille und im Schweigen ein weiteres Erkennen von uns selbst wünschen.

Die Kenntnis, die ein Mensch von sich selbst hat, ist begrenzt.
Durch Gott allein lernt der Mensch sich vollends kennen.

Herzlichen Dank

Stephanie Hahn