Jeder auf seinen eigenen Füßen

Der heutige Impuls führt uns in das Salzburger Land – meiner ursprünglichen Heimat, wo im Jahr 1989 der Zenlehrer Hans Vanja Palmers und der Benediktinermönch Bruder David Steindl-Rast, am Puregg – einem früheren Bergbauernhof – eine Meditationsstätte gegründet haben.

Zum 30-jährigen Bestehen dieses ökumenischen Hauses der Stille erschien eine Chronik, aus der das nachfolgende Interview mit Pepi (Josefine) Sinnegger stammt. Pepi war eine Tante von mir und lebte viele Jahre als Hausleiterin auf dem Puregg.

 

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich dazu gebracht hat, am Puregg zu leben?

Nein. Ich war auf der Suche. Bei den Schwestern im Kloster hab ich´s probiert und das hat nicht gepasst. Da hab ich in der Zeitung von der Eröffnungsfeier am Puregg gelesen und ich hab gleich gewusst: da geh ich hinauf und bleib oben. Dann bin ich hinauf, nichts war kompliziert und es hat geheißen: ja, wennst willst, kannst gleich dableiben! (Gelächter)

Das war ungefähr 1989/90. Wer war schon oben?

Der Günter (Illner) war da, der (Richard) Kosho (Zenki), der Edgar (Arnold) und der Volker (Beek). Vier Männer. Das war wirklich klass, ein jeder aus der Praxis. Jeder hat den anderen in Ruh gelassen. Man ist offen und trotzdem kann man in sich gehen. Das ist ja das Wichtigste, wenn man sich draußen nichts mehr findet, dass man in sich geht.

Hattest du ein Gefühl von großer Offenheit? Es heißt ja ganz offiziell das Ökumenische Haus der Stille.

Ja, das war so angenehm. Man hat sich einfach wohlgefühlt. Der Vanja und der Steindl-Rast sind hie und da gekommen und wir haben uns glänzend verstanden. Es hat alles zusammengepasst. – Und der Ermin (Döll), der hat immer so einen Urlaub hineingebracht in unsern Alltag, weil wir mit ihm immer gewandert sind… das hab ich irgendwie gebraucht… das war so ein wichtiger Ausgleich für mich… dass man das Körperliche austoben hat können mit ihm. Da war die Sache erst rund… und er hat die besten Vorträge gemacht und da hast lang kauen können. Er hat nichts verschwiegen, der hat uns alles weitergegeben, was er irgendwie erkannt hat.

Du warst sehr lange oben – 20 Jahre, davon 15 als Hausleiterin – was hat sich da verändert?

Man ist ganz tief in die Praxis hineingekommen und man kommt drauf, dass das funktioniert. Und dass man damit lebensfähig ist. Ich wollte ja weiterkommen, ich hab einfach so nicht mehr leben wollen, wie ich vorher gelebt hab. Und das hat seine Wirkung gehabt wahrscheinlich. Es wäre für mich gar nicht anders möglich gewesen.

Ist die Zen-Meditation erst am Puregg für dich konkret geworden?

Aurobindo hab ich viel gelesen, und so hab ich gewusst, um was es geht. Ich wollte einen Ort, wo ich das praktizieren kann, was ich gelesen und mir erarbeitet hab. Eine Möglichkeit, wenn dir sonst nichts mehr entspricht – sagen wir – so, zu leben.

Und das war klass, weil ich mit mir experimentieren konnte, das leben konnte, was mir als Weg vorgekommen ist, oder dass es das sein kann.

Bist du auch manchmal in die Kirche runter gegangen nach Dienten?

Ich bin keine Kirchengeherin, ich bin mehr eine Allrounderin, muss ich sagen. Ich möchte mir die Sachen von allen Seiten anschauen, aber ich tu mich nie auf irgendwas Besonderes spezialisieren. Obwohl mir schon klar ist, dass der Christus-Geist der kosmische Geist ist.

Was war der Grund, dass du dich vom Puregg verabschiedet hast?

Ich bin eben zu alt geworden. Vor zehn Jahren war das, da war ich gut siebzig. Es ist mir auch zu viel geworden. Die Winter, die haben es schon in sich gehabt, Und es waren jüngere oben, so wie die Anna (Winkler). Sie haben mich nicht unbedingt gebraucht. Außerdem hab ich auch gecheckt, dass ich nicht unbedingt in der Gruppe weitertun muss. Es hat einfach gepasst. Und wie ich dann daheim war, da hab ich gemerkt, wie richtig es ist, wenn man den Platz frei gibt.

Irgendwo kommt einmal ein Ende, das man selber eigentlich gar nicht einrechnet. Obwohl man rechnet schon damit, weil man ja älter wird und sich beobachtet, wie man früher mit den Sachen umgegangen ist und wie man länger braucht, wenn man älter ist.

Wie war damals die Übergabe an Anna?

Die Anna hat alles angepackt, das war unglaublich, und das ist eben gewachsen. Und die Jungen haben einen Wind drauf und die wollen ja, und unsereins ist schon am Absteigen und du weißt, du kannst das frei geben oder du kannst blöd tun.

Gesundheitlich geht´s dir gut jetzt?

Ja. Ich hab schon ein Schlagerl gehabt und ich bin, muss ich schon sagen, nicht sehr energie-geladen. Aber es ist nichts zurückgeblieben davon. Ich schau jetzt halt auf mich und was mir nicht taugt, das mach ich einfach nicht. Muss man sich halt ein bisschen schonen.

Hast du aktuell noch Kontakt zu Menschen, oder überhaupt zu etwas im Zusammenhang mit Puregg?

Es gibt schon ein paar, die kommen oder mich anrufen, aber ich forciere das nicht. Es ist so, dass ich nie in Abhängigkeiten war. Das war mir immer suspekt und nie recht. Jeder soll seinen Weg auf eigenen Füßen gehen. Jeder auf seinen eigenen Füßen. – Das ist nicht gerade angenehm, jemanden dahin zu bringen, auch für mich nicht. Aber es muss einem auch einmal schlecht gehen, dann schaut man wieder besser hin.

Auch am Puregg gibt es immer wieder Schwierigkeiten. Die gab es sicher auch schon ganz am Anfang. Ich habe zum Beispiel gelesen, dass manchmal einer abgehauen ist in die Baumhütte von Vanja.

Der Vanja ist ja ein Goldschatz. Der hat immer einen Ausweg gewusst oben. Er ist da einmalig. Er kann umgehen mit den Leuten, das ist unglaublich. Und manchmal hat er wen mitgenommen und in eine Einzelzelle gesetzt. In seine alte Hütte, oder eben in die Baumhütte. Die sind dann vierzehn Tage oder drei Wochen dort geblieben und haben da ganz auf Eigenregie gelebt und dann ist´s wieder gegangen. – Vanja hat für alles Verständnis. Da hat was gar nicht zu blöd sein können, dass er nicht Verständnis gehabt hätte, das war wirklich gewaltig. Oder IST, denn das hat sich ja sicher nicht geändert.

Hast du eigentlich jetzt in deinem Alltag auch andere Menschen, mit denen du dich manchmal zusammensetzt zum Meditieren oder mit denen du dich austauschst?

Nein. Das spitzt sich irgendwie zu, ist ganz interessant, du merkst, die Zeit kommt wieder, wo die Energie praktisch auch in dir spürbar wird, in einem selber spürbar wird, und dann braucht man nimmer viel reden, da tut sich das dann praktisch von selber… und da ist man dann schon neugierig, wie das dann einmal weitergeht… (Lange Pause) Du musst was erwarten können, du musst nichts übers Knie brechen, sondern du musst Dinge aushalten, die eben zum Aushalten sind, wo du keine Lösung kennst und weißt. Du bleibst in der Situation und auf einmal löst sich das oder du kriegst – es klickt irgendwie – so eine Erkenntnis, dass du weißt, wofür das jetzt gut war und dass alles für was gut ist, weil sich was auflöst und das tut weh. Und so lernt man halt so dahin. Da gibt´s kein Ende, so schaut´s aus.

Ich nehme an, du blickst dem Älterwerden und dem Sterben relativ gelassen entgegen im Vergleich zu vielen anderen Menschen …

Mhmmmm. Wie der Angelus Silesius sagt: stirb bevor du stirbst, damit du nicht verdirbst, wenn du stirbst… (Gelächter)

Gibt´s etwas, das du Puregg für die Zukunft wünschst? Hast du vielleicht einen kleinen Ratschlag für uns?

Ja, dass die Leute den Weg gehen, wofür der Vanja und der Bruder David das dort aufgebaut haben und dass die Menschen da auf der Linie bleiben.

Und nicht aufgeben! Nicht aufgeben!

Josef H.

 

https://www.puregg.at 
Hendling-Ehmayr_30-Jahre-Haus-der-Stille-Puregg.pdf