Vom Wollen zum Gewillt-Sein
Wir sehen oder empfinden laufend Hindernisse. Dinge, die uns im Wege stehen. Alles Mögliche kann das sein und ist es – in unserer Empfindung und Wahrnehmung.
Ein wichtiger Bestandteil unserer Übung ist es, Hindernisse erst einmal als Hindernisse zu erkennen. Und in den Blick zu nehmen, woran sie uns hindern oder zu hindern versuchen und worin sie uns verstricken.
Allgemein ausgedrückt kann man es so sagen: Sie stehen uns im Wege bei der Verfolgung und (vor allem) bei der Erreichung von Zielen. Zielen, die nicht immer klar definiert und eng umrissen sind. Manchmal, und durchaus häufiger, als wir glauben, ist es nur eine vage, nebulöse Vorstellung, eine Gefühlsmasse, die man umschreiben kann – je nach Situation – mit Geborgensein-Wollen, Geliebt sein-Wollen, Ankommen-Wollen, Kontrollieren-Wollen, Erfolg haben-Wollen und so weiter – letztlich zusammenfassbar in einem Wort: Glück-!
So sieht das in unserem Leben aus. Als sensible Menschen, als wachsame und zu kritisch -differenzierter Wahrnehmung befähigte Menschen stellen wir – immer wieder – fest, dass Glück oder das, was wir dafür halten, flüchtig ist und gehen so den ersten Schritt hin zu der Erkenntnis, die Shakyamuni Buddha (wie all die vielen Menschen auf der Suche nach der Höchsten Wahrheit und Wirklichkeit in vielen religiösen Traditionen) so tief und umstürzend ereilte: Nichts hat Bestand; nichts ist aus sich selbst heraus existent; alles ist in wechselseitig vielfältiger Interdependenz miteinander verbunden und verwoben.
Wenn wir etwas für Wahrheit halten und daran festhalten, haben wir uns darin verfangen. … Wir sollten uns einer Sache nie zu sicher sein.
So sagt es Thich Nhat Hanh.[1] Perry Schmidt-Leukel drückte es neulich in einem Interview so aus:
Ob Buddhistinnen und Buddhisten, Christinnen und Christen, Musliminnen und Muslime, Hindus oder andere: Für uns alle gilt, dass wir uns in unserer Zuversicht auch irren können. Vertrauen ist kein unbezweifelbares Wissen. Zeitgenössische Spiritualität muss ernst nehmen, dass auch eine rein säkularistische oder naturalistische Weltanschauung zutreffen könnte. Das Wissen um die eigene Irrtumsmöglichkeit kann und sollte Teil einer von Vertrauen geprägten Zuversicht sein.[2]
Auch wenn wir uns von Wissensvorstellungen über die Lebens-Wirklichkeit befreien, müssen wir sehen, wie sich neue Vorstellungen, beispielsweise über das von mir zu Buddhas Einsichten Gesagte, gebildet haben oder sich bilden, die ihrerseits losgelassen werden müssen. Bernard Glassman spricht hier vom Loslassen des Loslassens.[3]
Loslassen ist allerdings etwas, was wir nicht tun können. Ihr werdet, denke ich, alle bereits diese Erfahrung gemacht haben.
Und was nun? Auch wenn ich euch jetzt das folgende Zitat von Bernard Glassman mitteile, wird diese Frage bestehen bleiben, auch wenn das Zitat eine wesentliche Aussage enthält, die wir beherzigen sollten. Es lautet:
Loslassen geschieht, indem wir die Trennung zwischen uns und der Sache, die wir loslassen wollen, aufgeben. Wir werden diese Sache.[4]
Vier Schlüsselwörter sind darin enthalten: geschehen; loslassen; wollen; aufgeben.
Ich reduziere sie auf zwei: wollen, aufgeben und verbinde sie so: Wollen aufgeben!
Ach ja, da ist noch ein weiteres Schlüsselwort: werden.
Aber erneut: wie?
Dazu habe ich eine wertvolle Anregung erhalten bei der Lektüre des Leitfadens und Praxishandbuchs zur Dialektischen Verhaltenstherapie von Marsha M. Linehan, welches mir neulich von Stefan zur Verfügung gestellt wurde. Das Buch und die Therapieansätze sind durchzogen von Zen-Praxis und Erfahrung der Autorin. Was ich sehr erhellend finde für den vorliegenden Zusammenhang ist das von ihr aufgezeigte dialektische Verhältnis von willfulness und willingness.
Willfulness lässt sich mit Vorsätzlichkeit, Eigenwille, Absichtlichkeit, Wollen übersetzen. Willingness entspricht im Deutschen den Wörtern Bereitschaft, Bereitwilligkeit, Willigkeit, Gewilltsein.
Marsha M. Linehan beschreibt willingness auf diese Weise:
- Willingness is accepting what is and responding to what is in an effective or appropriate way. It is doing what works. It is doing just what is needed in the current situation or moment.
- Willingness is focusing on both individual and common needs.
- It is throwing yourself into life without reservation, wholeheartedly.
- It is saying yes to the mystery of being alive in each moment.
- It is responding from wise mind.
- It is committing yourself to participation in the cosmic process of the universe.[5]
- Bereitschaft bedeutet, das zu akzeptieren, was ist, und darauf auf wirksame oder angemessene Weise zu reagieren. Es bedeutet, das zu tun, was funktioniert. Es bedeutet, genau das zu tun, was in der aktuellen Situation oder im gegenwärtigen Moment erforderlich ist.
- Bereitschaft bedeutet, sowohl auf individuelle als auch auf gemeinsame Bedürfnisse zu achten.
- Es bedeutet, sich vorbehaltlos und von ganzem Herzen ins Leben zu stürzen.
- Es bedeutet, Ja zu sagen zum Geheimnis des Lebens in jedem Augenblick.
- Es bedeutet, aus der Weisheit des Geistes heraus zu reagieren.
- Es bedeutet, dass du dich der Teilnahme am kosmischen Prozess des Universums anheimgibst.[6]
Die Übung des Loslassens als eine Bewegung vom Zugreifen- und Festhalten-Wollen hin zu Offenheit und Geschehenlassen in vollständiger Bejahung kann verkürzt auf die Formel gebracht werden: vom Wollen zum Gewillt-Sein, und dies ganz konkret in jedem Moment, in jeder Situation und geöffnet für die kosmische Dimension allen Seins und Geschehens.
Die Ausrichtung auf ein „Gewillt-Sein“ ist also die Haltung, in der bzw. aus der heraus der Geist frei werden kann, frei von bestimmten Ansichten, Vorurteilen und Bedrängnissen, wie Thich Nhat Hanh es als Notwendigkeit für ein klares Sehen der Wirklichkeit formuliert hat.[7]
Danke!
KF
[1] Thich Nhat Hanh, Der Weg zur Befreiung, S. 107.
[2] Interview in Buddhismus-Aktuell Heft 02/2026; aufzufinden auch unter www.zen-bochum-weitmar.de unter Impulse.
[3] Bernard Glassman, Das Herz der Vollendung, S. 89 ff.
[4] A.a.O., S. 90.
[5] Marsha M. Linehan, in: DBT Skills Training Manual, Second Edition, S. 469.
[6] Übersetzt mit Hilfe von DeepL.com (kostenlose Version).
[7] Thich Nhat Hanh, Der Weg zur Befreiung, S. 108.

