Die Einführung von Meister Engo zum Koan Nr. 5 aus dem Hekiganroku beginnt so:
Wer das Grundprinzip unserer Schule erhalten will,
muss ein Mensch von edler Gesinnung und mit besonderer Geisteshaltung sein.
Wie auch immer man das übersetzt sehen will, es geht um das Grundprinzip des Zen und die Frage, wie man dieses nun, wie eingefordert, erhalten will. Konkret weitergeführt, wie man dies realisieren will, dieses Grundprinzip. Das, was Zen im Eigentlichen, im Kern, ausmacht. Das was zu realisieren von demjenigen abverlangt wird, der sich dahin auf den Weg macht. Yamada Kôun sagte es so:
Das Grundprinzip aller Lehren des Buddhismus liegt in der Erleuchtungserfahrung von Shakyamuni.
Zen versucht, diese Erfahrung selbst ohne alle Überkleidungen zu vermitteln. Es versucht, diese Erfahrung dadurch zu übermitteln, dass jeder selbst diese Erfahrung direkt macht, ohne irgendwelche Hilfsmittel wie Konzepte und Philosophien dazwischenzuschieben. In diesem Sinn ist Zen „shû-kyô“, das große Grundprinzip selbst.
…
Meines Erachtens ist Zen keine Religion. … Zen [passt] nicht in die übliche Kategorie von Religion. Andererseits gibt es von jeder Religion her einen Zugang zum Zen, denn Zen ist wie ein leerer Raum, den jeder betreten kann. Wenn die Grundlage einer Religion aus Konzepten und Philosophien zusammengestellt ist, können Außenstehende nur schwerlich Zugang zu ihr finden. Bei Zen ist dies aber nicht der Fall. Hier ist jeder willkommen einzutreten.[1]
So unangefochten, wie dieses Zitat sich präsentiert, ist die darin enthaltene Aussage, Zen sei keine Religion, indes nicht. Dabei sollte man auch nicht aus den Augen verlieren, dass letztlich alle Hochreligionen, insbesondere auch die theistischen Religionen, sich aus Erfahrungen speisen. Erfahrungen, die ein einzelner und (danach) auch andere nicht nur intellektuell oder glaubensmäßig nachzuvollziehen versuchten, sondern in eigener, direkter und höchstpersönlicher Weise erlebten. Denken wir an Abraham, Moses und die Propheten. Denken wir an Jesus und seine Jünger und eine Reihe von Menschen nach ihm, wie z. B. Paulus. Auch der Islam stützt sich auf Erfahrung, dort durch den Propheten Mohammed und vielen nach ihm. Wir können also feststellen, dass Religionssysteme (wenn wir so wollen, auch das des Buddhismus) sozusagen geronnene absolute, die gewöhnliche Ebene bzw. Perspektive eines Menschen übersteigende, also transzendierende Erfahrungen sind, wobei sich die abrahamitischen Religionen dadurch vom buddhistischen Verständnis zu unterscheiden scheinen (jedenfalls in ihrem „konventionellen“ Verständnis), dass sie Transzendenz als eine gesonderte Einheit bzw. Entität begreifen, also nicht von transzendierender, sondern von transzendenter Erfahrung sprechen würden, es sei denn man hätte es mit einem Mystiker oder einer Mystikerin zu tun.
Richtig ist auf jeden Fall, dass mit der Masse und Komplexität von Glaubenswahrheiten und den sie ergänzenden oder sie tragenden theologischen und philosophischen Systemen ein Zugang zu den Grundlagen/Erfahrungen der Religionsgründer und ihnen nachfolgender Menschen erschwert werden kann.
Aber zurück zur Aussage, Zen sei keine Religion, weil es nur um Erfahrung gehe, um Kensho oder Satori nach dem „Modell“ von Shakyamuni Buddha und den buddhistischen (!) Sutren,[2] die Zen allerdings anders als alle sonstigen buddhistischen Sekten selbst nicht habe.[3] Wenn Yamada Kôun dann ausführt, „Eure Erfahrung muss voll mit dem übereinstimmen, was die Sutren sagen“,[4] wird es „schwierig“ mit dem Dialog von Zen und Christentum!
So haben wir jetzt ein veritables Problem, welche die ganze Geschichte von Zen und Christentum begleitet und die jeweiligen Akteure beschäftigt, seitdem westliche Menschen und davon etliche als Christen und Ordensgeistliche sich dem Zen zuwandten und mit Unterstützung von Yamada Kôun Zen in den Westen trugen.
Auffällig ist bei diesem Prozess, dass – namentlich in der ersten Generation westlicher, christlicher Zen-Lehrer – ein Verständnis vorherrschte, welches das von Yamada Kôun artikulierte teilte. So habe ich noch im Ohr, wie P. Johannes Kopp häufig von Zen als einem Bohrer sprach, der einen den Weg in die Tiefe eines Verständnisses und einer Erfahrung öffne. Zugleich sah er unser Programm dezidiert als ein Programm des interreligiösen Dialogs, sprach aber auch von einer Integration, die ja landläufig etwas anders verstanden wird.
Die sich dadurch schon abzeichnenden Unschärfen und Unklarheiten, wenn nicht sogar Widersprüchlichkeiten, lassen sich ebenfalls „durch die Bank“ anderweitig beobachten, was ich mit folgendem Zitat verdeutlichen möchte. Es ist der englischsprachigen Biographie von Patrick Hawk entnommen, einem 2012 verstorbenen amerikanischen Priester und Zen-Meister in der Dharma-Nachfolge von Robert Aitken, die sehr umfassend Korrespondenzen, Notizen, Vorträge, Teishos etc. auswertet. In einem Sesshin sagte Pat Hawk folgendes:
Es gibt da die Diskussion, ob der Buddhismus als Religion betrachtet werden kann, da er keinen Gott kennt. Es gibt keine Anbetung im westlichen Sinne. Ist er also nur eine Philosophie? Nun – hier beginnt uns unsere zweigleisige Tradition zu stören. Yamada Roshi sagte, seine christlichen Schüler sollten Zen nicht als Religion betrachten. Aitken Roshi sagt, Zen sei eine Religion, weil es ein Weg der Befreiung und Erlösung sei. Pater AMA Samy sagt, Zen sei eine Religion. Willigis Jäger sagt: „Es tut mir leid, aber es ist keine Religion!“
…
Nun, es ist eine Religion, aber nicht im üblichen Sinne. … Diese Debatte ist noch offen, aber dass die Praxis zu tiefer spiritueller Erfahrung führt, lässt sich nicht leugnen. Und sie ist definitiv ein Weg der Befreiung; das ist es schon seit Jahrhunderten. Der Schwerpunkt im Zen liegt auf der persönlichen Erfahrung absoluter Freiheit und der Erkenntnis des leeren Einsseins. So wie es praktiziert wird, ist da ein gewisser Mangel an Sozialarbeit. Das Gegenteil trifft auf die Art und Weise zu, wie das Christentum praktiziert wird. Der Schwerpunkt liegt hier eher auf der sozialen und nicht auf der persönlichen Befreiung. So hat die Begegnung dieser beiden großen Religionen also viel anzubieten. Es geht hierbei nicht allein um ein philosophisches Verständnis der Dinge.
…
… Ich möchte den Vorwurf widerlegen, ich sei inkonsequent – ich praktiziere Zen konsequent als Zen, Christ als Christ. [5]
…
Wenn man wirklich in die stille Praxis eintaucht, dann integrieren sie [Zen und Christentum] sich in die Person und drücken sich dann auf ihre jeweils einzigartige Weise aus. Diese Ausdrucksformen sind die Formen, Phänomene: kann sein, ein Gefühl persönlicher Gegenwart, kann sein, das Gefühl unpersönlicher Präsenz. Diese Formen sind jeweils exakt Leere. Konflikte entstehen, wenn wir uns auf eine der Formen versteifen und sie für die Wahrheit mit einem großen „W“ halten. [6]
Lasst es bei den Glaubenssätzen einfach bewenden. Sie sind wie Fingerzeige auf den Mond.
Buddha und Christus sind archetypisch – sie sind Projektionen. An Projektionen ist nichts auszusetzen, soweit man sie wegnimmt. Sobald man sie fortnimmt, erkennt man: Ich und Abba sind eins, ich und Buddha nicht zwei. [7]
Ich hoffe mit diesen Auszügen, deren Inhalt ich voll zustimme, weil ich seit jeher es genauso sehe, wie Pat Hawk es ausgedrückt hat, deutlich gemacht zu haben, welche Fallstricke lauern, wenn man das Wagnis eines interreligiösen Dialogs eingeht, der in der Zen-Praxis ein intrareligiöser Dialog sein möge. Und ich hoffe auf möglichst viele Menschen, die das wundersame Erlebnis und Ergebnis als eine befreiende und freie persönliche Integration in sich erfahren, auch wenn (und gerade dadurch, dass) Zen Zen bleibt und Christentum Christentum.
Wie soll das gehen? Eine berechtigte Frage an dieser Stelle. Auch dazu hat Pat Hawk einen guten Hinweis geliefert, den Barry Magid, ein Dharma Nachfolger von Charlotte Joko Beck und Psychotherapeut in New York, aus dessen Büchern in vor einiger Zeit schon mehrfach zitiert habe, in einem Artikel auf der Website seines Zen-Centers „Ordinary Mind“ anlässlich des Todes von Pat Hawk erwähnt und aus seiner Sicht erläutert. Ich zitiere:
Bei den verschiedenen Artikeln, die ich diese Woche über Patrick Hawk gelesen habe, ist mir ein Zitat von ihm besonders aufgefallen. Er sagte, jede Religion, jede Praxis, jedes Praxiszentrum brauche eine Hintertür. Für mich bedeutet das, dass all unsere Praktiken, jede Religion dazu neigt, in sich geschlossen und tautologisch zu werden. Sie kann alles erklären. Ob Katholik, Buddhist oder Psychoanalytiker – die Gefahr besteht darin, dass man für alles, was passiert, eine Antwort parat hat. Es ergibt innerhalb des eigenen Systems Sinn, was in Ordnung ist, nur dass es kaum Möglichkeiten gibt, wie neue Erkenntnisse, neue Informationen in ein so geschlossenes, perfektes System gelangen können. Ich denke, das ist die Idee einer Hintertür. Wir brauchen einen Weg, ab und zu etwas Neues einzuschleusen. Wir brauchen einen Weg, unsere eigene Gewissheit zu umgehen, die Vollständigkeit unseres Systems zu umgehen, und manchmal gelingt uns das nur, wenn wir uns auf ein anderes, vollständiges System einlassen und erkennen, wie sehr wir uns von dem anderen unterscheiden.
Ein weiterer Aspekt, der für unsere individuelle Praxis relevant ist, ist die Gefahr, dass jeder von uns als Persönlichkeit zu einem dieser perfekt geschlossenen Systeme wird, in denen alles, was geschieht, auf unsere eigenen Grundüberzeugungen, unseren gesunden Menschenverstand, abgebildet wird. Ob gut oder schlecht, alles, was geschieht, bestätigt nur, was wir schon immer wussten. Woher soll Veränderung kommen? Welche Hintertür können Sie persönlich offenlassen, um etwas Neues hereinzulassen? [8]
Erinnern wir uns an dieser Stelle des Ausgangspunkts meines Teishos, nämlich der ersten beiden Zeilen von Meister Engo zu Koan Hekiganroku Nr. 5:
Wer das Grundprinzip unserer Schule erhalten will,
muss ein Mensch von edler Gesinnung und mit besonderer Geisteshaltung sein.
Und ich warf dazu die Frage auf, wie man dies realisieren will, dieses Grundprinzip. Das, was Zen im Eigentlichen, im Kern, ausmacht. Das was zu realisieren von demjenigen abverlangt wird, der sich dahin auf den Weg macht.
Die Antwort, die ich– in Worten – dazu geben möchte, dürfte nun auf der Hand liegen: Entdecke die Hintertür, öffne sie, tritt hinaus, atme frei, schaue dich draußen wie ein Kind neugierig, offen, lernbedürftig und lernfähig um, lass alle Dinge deine Lehrer sein – und kehre beschenkt frei zurück. Und verriegele die Hintertür nicht (wieder). Verschließe sie nicht. Lasse die Eindrücke sich verarbeiten in deinem Bewusstsein und in deinem Tiefenbewusstsein. Und traue dich immer mehr, im Hinaus- und Hineingehen ganz du selbst zu sein.
So ermutigt möchte ich zum Abschluss ein hier ganz und gar passendes Zitat von Pat Hawk bringen:
Vergessen wir so manches großartiges Feuerwerk unserer Vergangenheit. Dann können wir uns ganz auf die schlichte Gegenwart einlassen. Die Wahl von Farben, Gewürzen, Spazierwegen, Menschen, die wir besuchen möchten – all die ganz konkreten Entscheidungen des Alltags, die uns Tag für Tag entweder unterstützen oder entmutigen. Wir sind untrennbar mit uns selbst und mit der Welt verbunden. Und beides findet sich in all den vielen Dingen wieder. Im Zen geht es um die Freiheit und die Freude, unser Leben in tiefster Verbundenheit mit der Realität, so wie sie ist, zu gestalten. Zen beginnt mit der Beobachtung, wie die Dinge sind. Beobachtung des Atems, des Körpers, der Vögel, der Bäume, des Windes. Beobachtung ist [als Observanz bezeichnet] ein Wort aus dem Bereich der Rituale und der Religion – es bedeutet, aufmerksam zu sein, aber auch zu bewahren, zu ehren, wie bei der Einhaltung eines Feiertags. Beobachte, respektiere, ehre alles, was die wahre Tatsache deines Lebens ist. [9]
Da ist – jedenfalls von meiner Seite aus – nichts hinzuzufügen.
Halt! Nun am Anfang des Neuen Jahres aber doch: Ein Frohes Neues Jahr!
Danke!
KF
[1] Yamada Kôun, Hekiganroku Band 1, S. 67.
[2] A.a.O., S. 71.
[3] A.a.O., S. 67.
[4] A.a.O., S. 71.
[5] Helen Amerongen, Across the Empty Sky – A Biography of Patrick Hawk, Catholic Priest and Zen Master, 2022, S. 215 f.
[6] A.a.O., S. 218.
[7] A.a.O., S. 219.
[8] Barry Magid, Patrick Hawk, Thomas Merton, and the Dialogue between Catholicism and Zen, in: https://www.ordinary mind.com/talks/155
[9] A.a.O., S. 221. Alle Übersetzungen von mir mit Hilfe von KI.

