Vorbemerkung: Corrado Pensa war Professor für östliche Philosophie an der Universität Rom und ein bekannter Meditationslehrer in Italien und Mitglied der Insight Meditation Society. Da er im deutschen Sprachraum nicht veröffentlich ist, hatte Marlis Fahrendorf (Cloud of Merciful Beginning) mit seiner Autorisierung 2005 begonnen, ihn ins Deutsche zu übersetzen:
Wenn Herz und Geist sich nach einem mehrtägigen Sesshin größerer Klarheit und Offenheit erfreuen, dann kann ein Wort wie Dankbarkeit anders klingen, leuchtender als gewöhnlich. Eben weil Dankbarkeit der Offenheit innewohnt, bedeutet ein offenes Herz ein Herz, das leichter dankbar ist. Man kann nun von Dankbarkeit für ein Sesshin sprechen, von Dankbarkeit gegenüber der Sangha, aber vor allem von grundlegender Dankbarkeit, von tiefwurzelnder Dankbarkeit, jener Weise zu fühlen, die schlechthin verbindet: der Leichtigkeit, dankbar zu sein, der Mühelosigkeit, Dankbarkeit zu empfinden.
Im vergangenen Jahr habe ich mit einem chinesischen Meister praktiziert. In einem Mondo fragte jemand, wie man Kinder die Nicht-Anhaftung lehren könne, und der Meister Shen Yen antwortete: „Indem man Dankbarkeit lehrt.“
Die Bereitschaft zur Dankbarkeit ist der entgegengesetzte Pol zum berechnenden Geben, das eine Form von Verhärtung, eine Form von Verschlossenheit ist, manchmal schmerzhaft chronisch. Die Bereitschaft zur Dankbarkeit ist das Gegenteil davon, traurig sich minderwertig zu fühlen, immer – oder oft oder manchmal – das Gefühl zu haben, nicht genug zu sein, nicht genug zu haben, nicht genug zu bekommen: große Qualen, die wir durch die Übung zunehmend verstehen und loslassen. Und naturgemäß rufen die kleinen oder großen Befreiungen Dankbarkeit in uns hervor.
Die Bewusstheit ist eine bedeutende Gefährtin der Dankbarkeit, sie lässt uns, vor allem, wenn sie auf leisen Sohlen daherkommt, mit großer Ruhe all das wahrnehmen, was wir empfangen haben, sie lässt uns auf natürliche Weise entdecken, sie erteilt uns keine Lektion, sie enthüllt, angefangen vom Himmel und der Sonne, mit großer Natürlichkeit, was wir erhalten haben. Die Liste ist ohne Ende und die dankbare Bewusstheit lässt sie uns mit Freude durchsehen.
Am Ende des Sesshins mit Meister Shen Yen gab es eine Zeremonie, an der ich innerlich stark beteiligt war und die mich sehr traf: es wurde formuliert, warum man dankbar war, eine Auswahl aus dieser langen Liste. Es ertönte eine Glocke und daraufhin warfen wir uns alle der Länge nach auf den Boden und erfuhren so mit dem ganzen Körper die Dankbarkeit. Und es war als ob diese Dankbarkeit eine spezifische Vollständigkeit erreichte.
Natürlich ist nicht die konventionelle Dankbarkeit gemeint, sondern nur die echte, und der Satz: „Ich bin dir dankbar“, gesagt oder gehört, zeugt von großem Glück, von offensichtlicher Liebe. Er lebt in uns. Unter den Schichten und Krusten von Anhaftung und Ablehnung gibt es in uns diese Zartheit. Manchmal sind Jahre nötig, bis uns der Verdacht kommt, dass es auf dem Grund von allem diese unbegrenzte Zartheit gibt, aber dieser Verdacht genügt, um uns glücklicher zu machen. Möglich, dass wir uns durch tausend Anhaftungen, tausend Aversionen, tausend Irritationen durchlavieren müssen, aber zu wissen, dass es diese Zartheit gibt, aus der die Dankbarkeit sprudelt, entschädigt uns reichlich. Die natürliche Verfügbarkeit der Dankbarkeit nimmt zu durch kleine und kleinste Dinge. Aber nicht die Dankbarkeit ist klein: klein ist, in konventionellem Sinn, der Anlass, ein Gruß, ein Telefonat, eine Begegnung, das überraschende Erscheinen eines Waldes nach einer Kurve. Die Bereitschaft zur Dankbarkeit. Die Fähigkeit zu staunen und danke zu sagen. Danke, Dank, Dankbarkeit.
Fortsetzung folgt.
KF