In meinem heutigen Teisho möchte ich ein Koan besprechen, das mich in letzter Zeit bewegt und in seinen Bann gezogen hat … es ist der Fall 51 aus dem Shôyôroku: Hôgens Kahn oder Land. Ich möchte heute aus zeitlichen Gründen nur auf die Einführung und den Fall eingehen.
Lasst uns das Koan zunächst lesen:
Einführung
Inmitten der weltlichen Dharmas: wie viele Leute sind zur Erleuchtung gebracht worden? Inmitten des Buddha-Dharmas: wie viele Menschen sind getäuscht worden?
Wenn du plötzlich vollkommen eins wirst, kannst du Täuschung und Erleuchtung klar artikulieren oder nicht?
Der Fall
Hôgen fragte den Mönchsältesten Kaku: „Bist du mit dem Kahn oder zu Lande gekommen?“ Kaku sagte: „Mit dem Kahn.“ Hôgen sagte: „Wo ist der Kahn?“ Kaku sagte: „Der Kahn ist auf dem Fluss.“
Nachdem Kaku weggegangen war, fragte Hôgen einen anwesenden Mönch: „Du, sag mal, hat der Mönch, der eben da war, das Auge, oder hat er es nicht?“
Das „Shôyôroku“, meistens übersetzt als „Buch der Gelassenheit“, ist eine berühmte Koan-Sammlung der Soto-Schule: Meister Wanshi Shôgaku (1091–1157) stellte im 12. Jahrhundert einhundert Koans zusammen und verfasste zu jedem einen Vers; anschließend ergänzte Meister Banshô Gyôshû (1166–1246) die Sammlung (im Jahr 1223/24) mit Anweisungen und Kommentaren.
Meister Hôgen (Hôgen Bun’eki; chin. Fa-yan Wen-yi, 885-958) gehörte zu den herausragenden Chan-Meistern seiner Zeit und taucht ebenfalls in Koans des Mumonkan und des Hekiganroku auf. Sein Name bedeutet „großes Dharma-Auge“; Yamada Koun Roshi hatte große Hochachtung für Meister Hôgen, wie er in verschiedenen Teishos kundtut – für dessen hohe geistige Feinsinnigkeit ebenso wie für sein außerordentlich klares Zen-Auge. Ich persönlich finde das Koan 17 aus dem Shôyôroku sehr beeindruckend, in dem Hôgen fragt: „‘Ein Unterschied von Haaresbreite ist die Entfernung zwischen Himmel und Erde.‘ Wie verstehst du das?“
Die Einführung zum Fall wird im Englischen als „instruction“ bezeichnet, also Instruktion: Das Bedeutungsfeld dieses Begriffs reicht von Belehrung über Unterweisung bis hin zur Handlungsanweisung: so fordert die Einführung uns auf, genau hinzuschauen und gibt schon wichtige Hinweise auf den Kern oder die Kernfrage des Koans.
Worum geht es also im heutigen Koan, das auf den ersten Blick sehr kurz und einfach daherkommt? … Hôgen fragte den Mönchsältesten Kaku: „Bist du mit dem Kahn oder zu Lande gekommen?“ Kaku sagte: „Mit dem Kahn.“
Dieser sehr knappe Dialog mutet auf den ersten Blick an wie eine alltägliche, normale Unterhaltung gewöhnlicher Menschen in einer gänzlich unspektakulären Situation. „Womit oder wie bist Du gekommen? Seit wann bist Du hier? Wie lange bleibst Du?“ dient oft als Einstieg, näher miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Fragen des Hôgen könnten also ganz harmlose Fragen in einer Alltagskonversation sein, wenn nicht ein Zen-Meister sie einem der Mönche seines Klosters stellen würde, hier zudem noch dem Mönchsältesten. Ehe wir uns versehen, befinden wir uns also mitten in einem Dharma-Gefecht! – doch: Wo ist der Köder, der Haken, den der Zen-Meister normalerweise in einem Mondo dem Mönch hinhält, um ihn zu prüfen? Was macht diesen Dialog zu einem Koan?
Wir erinnern uns: Koans beginnen öfter mit der Frage: Woher kommst Du? Und damit fragt der Meister nicht nach einem geographischen Ort wie etwa dem Geburtsort oder dem biographisch gesehen letzten Aufenthaltsort, sondern dies ist die Frage nach der Wesensnatur, dem ursprünglichen Antlitz, der letzten Wirklichkeit.
Hôgen beginnt anders: er fragt nicht nach dem Woher, sondern nach dem WIE der Reise. Wie bist du hierhergekommen, mit dem Kahn oder zu Lande, by boat or by land? Dieses Wörtchen WIE war Pater Johannes – wie einige von Euch sicherlich wissen – ungeheuer wichtig, denn in ihm sah er die Unendlichkeits-Dimension des Menschen!
Inwiefern unterscheiden sich die beiden Fragen? Scheint Hôgen hier etwa vorauszusetzen, dass Kaku bereits „da“, GANZ DA? ist, ganz an-gekommen? Wo denn? Na hier, genau hier, wo in diesem Moment gerade das Gespräch (und übrigens auch dieses Teisho!!!) stattfindet und zugleich, dass Kaku bereits zur Erfahrung, zur Realisierung gekommen ist, sein geistiges Zuhause gefunden hat. … Es scheint so zu sein. … Letztlich zielt diese Frage also doch in die gleiche Richtung wie dieses: Woher kommst Du? Zeige mir Dein ursprüngliches An-Gesicht!
Kaku antwortet klar, kurz und knapp, so knapp wie es nur geht, und ohne zu zögern: Mit dem Kahn! By boat!
Und Hôgen scheint zufrieden zu sein mit Kakus Antwort, zumindest missbilligt er sie nicht in Form von Kritik, Schelte oder gar Stock-Schlägen, aber er stellt dennoch – vielleicht zur Sicherheit – eine zusätzliche Prüfungsfrage:
„Wo ist der Kahn?“ und wir können verdeutlichen: „Wo ist der Kahn – jetzt, in diesem Augenblick?“ Kaku antwortet postwendend: „Der Kahn ist auf dem Fluss.“ The boat is on the river!
Schlag auf Schlag geht es – Frage, Antwort, Frage, Antwort! Ein perfekter, ein vollkommener Dialog, passgenau wie die Glieder einer Goldkette, ein ungestörter natürlicher Fluss ineinander greifender Elemente – Frage, Antwort, Frage, Antwort. Der Kahn ist auf dem Fluss! Kann es wirklich sooooo einfach sein?
Mit dem Koan sitzend, bin ich verblüfft, sitze staunend, ja fasziniert von dieser Schlichtheit, der Rundheit, der Schönheit, vom Strahlen dieses Koans. Es ist glatt wie eine Rasierklinge, wie die Haut eines glänzenden Apfels…. Gibt es hier überhaupt etwas zu „knacken“? Zu durchdringen? Wo ist ein Angelpunkt, an dem man eindringen könnte in dieses Koan? The boat is on the river! Und es geht um dies: nicht, dass WIR etwas machen, sondern dass wir das Koan machen, wirken und uns von ihm ergreifen lassen! Lassen wir das Koan eindringen in uns! Lassen wir uns von ihm umfassend in Frage stellen!
„Wo ist der Kahn?“ Welche Frage stellt Hôgen hier eigentlich? Wo bist Du? Bist Du wirklich da? Wo ist Dein Wahres Selbst in diesem Augenblick? … Schauen wir zunächst, wie es im Koan weitergeht: … Nachdem Kaku weggegangen war, fragte Hôgen einen zufällig in seiner Nähe stehenden Mönch: „Du, sag mal, hat der Mönch, der eben da war, das Auge, oder hat er es nicht?“ Mit anderen Worten: „Du, sag mal, Ist dieser Kaku erleuchtet oder nicht?“
Dieser Mönch, der da gefragt wird, das bist DU! Das bin Ich! Wir alle sind unmittelbar angesprochen und aufgefordert, selbst eine Antwort zu geben: … „Hat dieser Mönch, der eben da war, das Auge, oder hat er es nicht?“
Ja oder nein, dazwischen gibt es nichts …… sag es – direkt! Sag es sofort!
Lasst uns ein, zwei Minuten sitzen mit dieser Frage! (kurze Stille)
Nun, wie ist Deine Antwort? Was kommt Dir spontan in den Sinn? Was sagt Deine Intuition? Und falls da ein Ja oder ein Nein hochkommt, vielleicht sogar ein klares Ja oder ein klares Nein, WIE „begründest“ Du es? … Dies wäre genauer im Dokusan-Raum zu klären!
Es handelt sich hier um ein klassisches Dilemma: entweder – oder! Ja oder nein! Vielleicht fühlen wir uns erinnert an Joshus Hund: Hat oder hat nicht … das Hündlein die Buddha-Natur? In Meister Mumons Vers heißt es dazu: „Hund! Buddha-Natur! … Ein bisschen ,hat‘ oder ,hat nicht‘: Der Leib ist verloren, das Leben dahin!“ Dazu Meister Mumons Kommentar: „Nimm [MU] nicht als Nichts oder als ein relatives Nein von ‚ja und nein‘, ‚ist und ist nicht‘!“ Und Yamada Koun erklärt: „Denkt ihr, Joshus Antwort würde bedeuten, dass der Hund keine Buddha-Natur hat, seid ihr völlig im Irrtum. Versucht ihr, in MU irgendeine Bedeutung zu finden, werdet ihr Jôshû verfehlen und ihm niemals begegnen. … Mu hat überhaupt keine Bedeutung. … Hund! Buddha-Natur! Der Kern der Sache ist in einem einzigen Wort enthalten! Es ist nichts anderes als MU!“
Mit anderen Worten: Hältst Du Dich fest an und in Kategorien von ja und nein, haben und nicht haben, besitzen und verlieren, erlangen und nicht erlangen, bist Du schon verloren! Oder um mit Hôgen zu sprechen: Ein Unterschied von Haaresbreite ist [bereits] die Entfernung zwischen Himmel und Erde! Wie antwortest Du also? Du bist gewarnt!
Will sagen: Verliere Dich nicht in spekulativem oder unterscheidendem Denken! Das Einzige, was dir hilft, ist, jeglichen Halt loszulassen und Dich rückhaltlos hineinfallen zu lassen, ja hinein zu stürzen in MU, in den Fluss des Atems, das Boot auf dem Fluss, im Fluss, der Fluss zu werden! Dich umfluten und überfluten zu lassen, … unterzugehen, Dein Leben zu verlieren … Und es neu zu gewinnen!
„Hat dieser Mönch, der eben da war, das Auge, oder hat er es nicht?“
Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, werfen wir einen kurzen Blick auf die Einführung.
Doch vorab nochmals zur Erinnerung: Yamada Koun lehrte, dass unsere Wirklichkeit, in der wir leben, zwei Aspekte hat: die phänomenale Welt, in der es die 10.000 Dinge gibt, die unterschieden und getrennt voneinander existieren, und die absolute Welt, in der es keinerlei Unterscheidung gibt oder geben kann, weil da gar nichts existiert – the world of not a single thing, wie er es in Teishos manchmal nannte. Um dies zu illustrieren, benutzte er oft das Bild des mathematischen Bruchs: die phänomenale Welt ist der Zähler X (bestimmter, begrenzter Wert), die absolute Welt, die er mit der liegenden 8, dem Unendlichkeitszeichen, darstellte, der Nenner. Beide gehören zusammen, sind ein Ganzes, sie sind Nicht-Zwei. Und er zog einen Kreis um Zähler und Nenner, um dies klar zu machen. Die ersten beiden Sätze der Einführung zeigen uns jetzt zunächst den Zähler, dann den Nenner:
Inmitten der weltlichen Dharmas: wie viele Leute sind zur Erleuchtung gebracht worden? Inmitten des Buddha-Dharmas: wie viele Menschen sind getäuscht worden?
Die weltlichen Dharmas, das ist unsere alltägliche Lebenswelt, in der wir gewöhnlich die Vielzahl der Dinge und uns selbst als getrennt und sich unterscheidend wahrnehmen – inmitten eben dieser Welt ist es möglich, erleuchtet zu werden: ja, auf unserem Weg werden wir ja sogar angehalten, durch unablässiges Üben darauf hin zu „arbeiten“, zur Erleuchtung zu kommen. „Inmitten des Buddha-Dharmas“ bedeutet, bereits erwacht zu sein zur Wesensschau, und die Vielzahl der Dinge aus der Sicht des Wesens als EINS zu sehen – doch ist es möglich, auch nach der Erleuchtung der Täuschung zu erliegen? Ja, z.B. dann, wenn wir in der Leere steckenbleiben, an ihr haften, die Welt negieren ….
Doch, so die nächsten Verse: Wenn man plötzlich vollkommen eins wird, kann man Täuschung und Erleuchtung klar artikulieren oder nicht?
Jetzt wird der Kreis um Zähler und Nenner gezogen: wenn man plötzlich zu tiefer Einsicht kommt und eins wird, kann man dann Täuschung und Erleuchtung noch unterscheiden und diese klar zum Ausdruck bringen? Diese Frage soll unser Koan beantworten!
Was ist denn, wenn man ganz eins geworden ist? dann fallen auch Täuschung und Erleuchtung in eins zusammen, mit anderen Worten existieren überhaupt nicht mehr, und zwar deshalb nicht, weil es kein Ich, weil es niemanden mehr gibt, der in Kategorien von Täuschung und Erleuchtung denken könnte – verschwunden, ausgelöscht, nichts mehr da. Mit dem ausgelöschten Ich sind auch die Konzepte von Täuschung und Erleuchtung weggefegt ….
Die Welt von Täuschung und Erleuchtung ist ein und dieselbe Welt, Täuschung und Erleuchtung sind EINS, so wie es das Herz-Sutra sagt: Form ist Leere, Leere ist Form.
Demnach kann oder könnte man das Koan auf zwei Weisen betrachten:
- Entweder Kaku ist NOCH in der Sicht des Zählers verhaftet. „Der Kahn ist auf dem Fluss.“ Bedeutet dann: Ich bin vor so und so viel Zeit angekommen, die Reise ist Vergangenheit und nun liegt das Boot dort hinten, einige hundert Meter von hier entfernt auf dem Fluss. Was hab‘ ich jetzt mit dem Boot zu schaffen? Wen interessiert’s wo das Boot liegt? Wenn ich es das nächste Mal brauche, benutze ich es wieder. Bis dahin – egal! Und in kecker Gleichgültigkeit geht Kaku einfach weg, ohne Verneigung gegenüber dem Meister!
- Jetzt kommt das Oder: Kaku ist erleuchtet und spricht aus der Sicht des Nenners bzw. sogar des Kreises:
„Der Kahn ist auf dem Fluss.“ Kaku präsentiert sein Wahres Selbst: es gibt überhaupt keinen Kaku mehr! Kaku ist verschwunden: da IST das Boot, die Ruder, der Fluss, die Wellen, das eine Ufer, das andere, der Himmel über ihnen … Der Kahn auf dem Fluss – nichts außerhalb! Nur dies! Alles liegt klar und offen zutage! Nichts ist verborgen! „Der Kahn ist auf dem Fluss.“ – ist das ganze Universum. In diesem Moment ist es die ganze und einzige ungeteilte Wirklichkeit des einen unendlichen Universums! Nichts jenseits oder darüber hinaus! Und jedes Wort, jede Silbe, jeder Buchstabe dieses Satzes ist dieses ganze Universum! The boat is on the river! Eine einzige Existenz!
In dieser Sicht wäre bzw. ist Kaku sogar zutiefst erleuchtet, jegliche Spur von Erleuchtung vollkommen vergessen! Er ist in der höchsten, der (sog.) erleuchteten Blindheit angekommen. Wie der Hirte des 10. Ochsenbildes wäre bzw. ist er wieder in der Welt der Formen und Unterscheidungen angekommen, führt ein ganz normales Leben, folgt dem natürlichen Lauf der Dinge, geht seinen Aufgaben nach, tut, was zu tun ist … Er ist nichts Besonderes, weil er nichts Besonderes aus sich macht, denn es gibt nichts mehr, was be-sonders, ab-ge-sondert, außergewöhnlich oder herausragend aus diesem grenzenlosen allumfassenden Einen der ganzen Existenz sein könnte: Er ist, wie Meister Rinzai sagte, der „wahre Mensch ohne Rang und Namen“, der Kahn auf dem Fluss, der Lasten trägt und von einem Ufer, von einem Ort zum anderen bringt, und darin höchste Erfüllung findet und verwirklicht. Alles, was er denkt, sagt und tut, alles was er ist… ist nichts anderes als der Kahn auf dem Fluss! The boat is on the river! Alles fließt – spontane, natürliche Entfaltung des Lebens in Einfachheit und Leichtigkeit! Fülle des Seins!
Nun: Welche Sicht ist die richtige? Was sagt Dein Zen-Auge? Kahn, Fluss, Ufer, Hôgen, Kaku, Du, Ich – Kann es je einen Unterschied geben?
Zum Abschluss noch einmal Worte von Meister Rinzai: „Wer heutzutage den Buddha-Dharma studiert, muss wahre Einsicht suchen. Hat er wahre Einsicht erlangt, ist er frei von Geburt und Tod und kann kommen und gehen, wie es ihm gefällt. Er braucht nach nichts wunderbar Großartigem zu suchen; alles Wunderbare und Großartige kommt von selbst.“
The boat is on the river! Dieses Koan ist eine Einladung an uns, dem Leben zu erlauben, sich in seiner Einfachheit und schlichten Schönheit zu zeigen und zu entfalten! Einfach leben, einfach leben! Vertraue, lass Dich fallen, verschenke Dich an das Leben! Wenn Pater Johannes dieses Wort aussprach, war es eine Feier! …
Lasst uns nun in den Fluss des Atems, lasst uns zu unsrer Übung zurückkehren! Danke!
Petra Schmitz-Arenst

