Vor Jahren, genaugenommen vor 7 Jahren las ich einen Artikel, das sog. Streiflicht, in der Süddeutschen Zeitung vom 5. 4. 2019. Ich stieß neulich wieder auf ihn in einem meiner Notizbücher. Ich lese mal vor:
Einmal stand man auf der A 8 vor Stuttgart in einem Stau, der so gewaltig war, dass man bei Google Maps auf Erdballformat zurückzoomen musste, um seine dunkelroten Ausmaße in Gänze zu betrachten. August. Die Klimaanlage war defekt, die Aussichten elend (schäm dich, Dreieck Leonberg). Ein Brocken übler Flüche stieg in einem auf, die nur deshalb ungesagt blieben, um das auf der Rückbank brüllende Kind nicht noch weiter zu verstören. Die mitgereiste Freundin packte derweil ihr Wurstbrot aus und fand: „Es wird schon für was gut sein.“ Seit jenem Tag weiß man, dass positives Denken eine Pest ist.
Ein Stau vor Stuttgart, der die Länge der Seidenstraße angenommen hat, ist niemals für etwas gut. Ebenso wenig ist es zielführend, von einem geliebten Menschen verlassen zu werden, bis zum 67. Lebensjahr arbeiten zu müssen und auf dem Weg zum Bus in Hundedreck zu treten.
Noch kein Kommentar meinerseits. Vielmehr eine Geschichte aus dem alten China, die in vielen Varianten, aber im Kern übereinstimmend, bis heute überliefert ist:
Ein Bauer besaß ein Pferd, das sein ganzer Stolz und Reichtum war. Eines Tages lief ihm das Tier davon. Vergebens suchte er tagelang die ganze Umgebung ab, doch das Pferd war nicht zu finden. Schließlich ging der Bauer zu seinem Gemeindevorsteher und beklagte seinen Verlust. Dieser sagte nur: „Was gut ist, ist schlecht; was schlecht ist, ist gut.“
Wenig getröstet ging der Bauer davon und schickte sich widerwillig in sein Los.
Nach einigen Wochen tauchte das entlaufene Pferd wieder auf und kam von selbst in seinen Stall zurück. Erfreut ging der Bauer zum Dorfältesten und meldete die Heimkehr des Pferdes. Doch dieser wusste nichts anderes zu sagen als: „Was gut ist, ist schlecht; was schlecht ist, ist gut.“
Einige Zeit danach stellte sich heraus, dass das heimgekehrte Pferd trächtig war. Nach fast einem Jahr warf es ein gesundes Fohlen. Der Bauer war erfreut, in seinem Stall einen so prächtigen Nachwuchs bekommen zu haben. Wie das junge Tier herangewachsen war, wollte der älteste Sohn des Bauern es zureiten. Das junge Pferd ließ sich das aber nicht gefallen. Es warf den Bauernsohn ab und dieser brach sich beim Fallen ein Bein.
Der alte Chinese ging erneut zu seinem Vorgesetzten und jammerte, sein Sohn habe mitten in der Erntezeit, wo er seiner Hilfe so dringend bedürfe, einen Unfall gehabt und liege nun untätig im Haus. Auch diesmal sagte der Dorfälteste nur: „Was gut ist, ist schlecht; was schlecht ist, ist gut.“
Wenige Wochen später brach in China ein Krieg aus. Alle jungen Männer mussten an die Front. Der Sohn des Bauern aber durfte zu Hause bleiben, da er nicht gehfähig war.
So wurde erneut die Wahrheit der … Weisheit offenbar: Alles hat seine zwei Seiten.[1]
Diese chinesische Geschichte wird allerdings auch in einer etwas anderen Fassung erzählt.[2]
Da ist es der Bauer, der auf die Bewertungen der Dorfbewohner, die je nach Ereignis sein Unglück beklagten oder sein Glück lobten, lebensweise reagierte, indem er fragte: „Woher (oder wie) wollt ihr wissen, dass dies ein Unglück ist?“ Oder: „Woher (oder wie) wollt ihr wissen, dass dies ein Glück ist?“
Was machen wir jetzt damit? Wer hat Recht? Hat überhaupt jemand Recht? Und: Hilft uns das überhaupt, uns darüber den Kopf zu zerbrechen? Schauen wir mal.
Wir haben es hier zunächst mit einer Vertreterin des sog. positiven Denkens zu tun, nämlich der Freundin des Streiflicht-Autors: Für sie ist das (alles), was geschieht, für etwas gut oder etwas vorsichtiger, aber immer noch mit viel innerer Gewissheit vorgetragen, wird für etwas gut sein. Eine Aussage, die auf Zukunft gerichtet ist, in der sich das Gute zeigen bzw. sich der Sinn des gerade Geschehenen offenbaren werde. Damit sind dieses Denken und eine entsprechende Lebenshaltung und Wahrnehmung in einer Trennung verhaftet, in diesem „für etwas“, sei es das sich noch zeigende Gute oder der sich auftuende Sinn.
Der Autor des Streiflichts setzt diesem positiven Denken die Erfahrungswelt eines negativen Denkens entgegen, die sog. Realität, in der sich (bis heute) nicht erschlossen hat, dass etwa die Ermordung von 6 Millionen Juden durch Nazideutschland und damit von unseren Vorfahren zu etwas gut war oder ist. Aktuelle Beispiele dieser Realität des mannigfachen Leidens in der Welt und in der Menschheit könnt ihr alle sofort in beliebiger Reihenfolge aufzählen. Diese Liste hört anscheinend niemals auf. Zumindest können wir uns das mit unserem begrenzten Erkenntnisvermögen nicht vorstellen. Im Streiflicht wird diese Weltsicht des Realisten festgemacht an alltäglichen banalen Erlebnissen von Enttäuschung, Frust und Stressmomenten. In dieser Sicht ist dazu nur festzustellen, dass all dies für nichts gut ist. Es ist die Betrachtung des Ist, der Gegenwart, der sich kein Sinn oder irgendetwas Gutes entlocken lässt. Das Kreuz Leonhard lässt grüßen!
In der chinesischen Geschichte Nr. 2 wird dagegen die Weltsicht gesetzt: Man weiß nicht, ob es ein Unglück ist oder nicht Glück. Das, was so scheint als etwas, kann sich als etwas Gegenteiliges entpuppen. Also Vorsicht mit dem Urteil, obwohl es punktuell durchaus richtig sein kann, dass nämlich das Unglück tatsächlich ein Unglück ist (und für nichts gut). Vielleicht aber, so räumt diese Geisteshaltung ein, vielleicht ist es aber doch für irgendetwas gut.
Die chinesische Geschichte Nr. 1 wiederum stellt mit dieser immer wiederkehrenden Aussage des Dorfältesten, was gut sei, sei schlecht; was schlecht sei, sei gut, es als eine ins Wort gebrachte Tatsache dar: Alles hat diese beiden Seiten, egal, wie es auf der Oberfläche betrachtet, scheint. Realität ist sowohl als auch! Es ist eine umfassende, die beiden Extrembewertungen bzw. Einordnungen von, abstrakt ausgedrückt, positiv – negativ einbeziehende und damit letztlich die vermeintliche Sicherheit unserer bewertenden Einordnungen all der Dinge und Ereignisse in unserem Leben gänzlich in Frage stellende Haltung. So gesehen kann sich immerhin dadurch eine Tür, nämlich die Tür zu einem reinen Gewahrsein des Lebens in diesem und in jenem Moment zeigen. Ich komme gleich darauf zurück.
Noch ein Aspekt lässt sich zu dieser Geschichte Nr. 1 aufzeigen, nämlich der des Verlusts und Gewinns. In den Ereignissen steckt beides drin. Der eine gewinnt, der andere verliert. So erleben wir das ja oftmals im Leben, allen Prophezeiungen eines „Win-Win“ zum Trotz. Auch Zen-Meister Daihôgen scheint dies im Koan Mumonkan Nr. 26 zu bestätigen, indem er zu zwei Mönchen, die in gleicher Weise Bambusvorhänge hochrollten, sagte: „Der eine hat gewonnen, der andere verloren“ und Meister Mumon im Kommentar die Frage stellt, wer denn nun gewonnen und wer verloren habe. Indem Mumon aber weiter dazu ausführt, dass dann, wenn man für diese Frage ein klares Auge habe, man dann auch den Fehler des Daihôgen erkenne.
Dies zeigt uns in schöner und subtiler Weise auf, dass es nicht mit der Erkenntnis und Einordnung von Gewinn und Verlust, von positiv und negativ o. ä. als Inhalt jeden Lebensmoments getan ist. Dann ist man noch nicht zu einer „wahren“ Einsicht in die und einer Durchsicht der Lebens-Wirklichkeit gekommen.
Vielmehr müssen wir konstatieren, dass all diese vier Betrachtungsweisen nicht den „vollen“ Blick auf die betreffenden Situationen als jeweiliges Faktum haben, welches sich gerade ereignet. Alle kranken an der Dichotomie von Stau vs. Freie Fahrt, Unglück vs. Glück, Verlust vs. Gewinn, kurz: Positiv vs. Negativ und versuchen, das Leben auf diese Weise einzuordnen, in eine handhabbare Ordnung zu bringen.
Wie aus dieser „Mühle“ herauskommen? Einem Zen-Meister, ich weiß nicht wem, wird dieser Ausspruch zu allen Geschehnissen, seien es seine eigenen, seien es fremde, in den Mund gelegt: „Auch das geht vorbei!“
Hilft uns das vielleicht weiter? Statt, es wird schon für etwas gut sein. Oder, es wird schon einen Sinn haben, den ich nicht kenne im Moment, aber auch nicht wissen muss.
Auch dies jetzt hier und jetzt geht (auch) vorbei? Ist es das?
In der Situation selbst sieht es aber doch so aus: Mist! Willst du auch einen Tee? Und Käse oder Wurst? Kuppeln, schalten, Gas geben, bremsen, auskuppeln, Gang raus. Stehen, kuppeln, schalten, Gas geben, bremsen… So ein verd… Mist. Wie lange soll das denn noch dauern? Ich hasse dieses Autobahnkreuz. Auskuppeln. Gang raus. Stehen. Ach ja: und ein Schluck Tee. Ein Biss ins Käse- oder Wurstbrot. Kauen, gucken, denken, Ärger spüren, Anspannung spüren. Und vielleicht, vielleicht taucht der Gedanke auf: Auch das geht vorbei!
Und dann? Taucht vielleicht der Gedanke an etwas Schönes auf, daran dass du bald am Ziel bist und es dir gut sein lässt.
Und dann? Wenn es dann vorbei ist mit dem Stau? Auch das geht vorbei! Der gleiche Gedanke, die gleiche „Programmierung“, aber mit ganz unterschiedlichem emotionalem Inhalt und völlig verschiedener Impulskraft und Impulsrichtung!
Was sollten, was können wir daraus lernen – für unser Üben und Leben? Vorbeiziehen lassen – in der vollen Präsenz des Ärgers und des Frusts sowie in der vollen Wahrnehmung des Sichwohfühlens und der Entspannung. Und vielleicht auch in einem von tiefem Vertrauen geprägten „Hintergrundgefühl“ von: Es wird schon für etwas gut sein…
So aus dem „Vorbeigehen“, also dem Flüchtigen und Unbeständigen, können wir die in sich dauerhafte Präsenz des „Jetzt“ spüren, diesen Augenblick und auch den nächsten, der kommt. Das ist das Spüren von U-Ji = Sein-Zeit, von der Dôgen Zenji sprach. Kein fixierender Gedanke an „Auch das geht vorbei!“ Mit einem „Ach schade!“ oder mit einem „Wie gut!“ oder „Endlich vorbei!“
Natürlich werden wir solche Gedanken oder Gedankensplitter niemals wirklich richtig, soll heißen: endgültig, los. Aber wir können die Fixierung, die letztendlich uns fixiert, minimieren und durchsichtiger werden lassen, was da abläuft in uns und mit uns. Und wir können uns so freier machen für das Unmittelbare im Sinne der Worte von P. Johannes: „Spüren ist der Weg…“ Und wir können darin die Freiheit entdecken in der Realisierung der wahren Natur, wie sie uns allen zu eigen ist.
So können wir uns auch, glaube ich, vor dem „Spiel“ schützen, das leider ernst abläuft und welches man mit „Katastrophismus“ umschreiben könnte. Diesen Begriff habe ich von Hajo Schuhmacher aus einer Kolumne in der WAZ vom 7. 4. 2019 mit der Überschrift: „An jedem Maulwurfshügel wird der Untergang ausgerufen – Warum nimmt die gefühlte Angst ständig zu?“ 2019, das war vor Corona, vor dem Ukrainekrieg, vor Trump 2, vor dem Krieg im Gaza-Streifen und dem zwischen den USA und Israel mit dem Iran.
Mit Hajo Schuhmacher am Ende seines Beitrags von 2019 sage ich jetzt 2026: Dimmen wir den Krach, der von außen kommt. Ich ergänze: Dimmen wir auch den Krach von innen her – ein wenig! Das ist – heutzutage – in Zeiten gefühlter Dauererregung schon eine ganze Menge. Oder?
Danke!
KF
[1] Beate Imhof, Wahrheit und Weisheit – Symbolgeschichten, 2. Auflage 2000, S. 35 ff.
[2] A.a.O., S. 84 f.

