Danken

In meinem letzten Impuls sprach ich ja recht ausführlich von Bittgebeten. Und heute frage ich mal: was ist z.B. mit Dankgebeten? Kann ich nicht auch aus tiefstem Herzen danken? Gibt es dafür nicht ebenfalls Gründe genug? Vielleicht sogar täglich? Warum denn eigentlich nicht? Das ist immer ein guter Anfang und kann uns behilflich sein, unser ängstliches Ego langsam immer mehr zu öffnen und loszulassen, je nachdem wie weit wir gerade in der Lage sind, uns einzulassen.

Dabei kann es dann auch geschehen, dass wir im allertiefsten Sinne vielleicht die eindrückliche Erfahrung machen dürfen, dass man im vollkommenen Bittgebet auch gleichzeitig großem Dank begegnet. Der tiefste Dank und die vollkommene Bitte für(!) sind untrennbar miteinander verbunden. Sie bedingen sich gegenseitig.

Zu diesem Thema erwähnte ich bereits früher Beispiele, wie z.B. Leid und Barmherzigkeit und „Gutes“ und „Böses“.

Hier aber nun zur Dankbarkeit, zum Danken.

Dazu möchte ich allerdings vorher noch anmerken, dass sich auf der Website unserer Regionalgruppe Weitmar-Mark bereits 2 Impulse befinden, die sich mit dem Thema Dankbarkeit beschäftigen, nämlich die vom 16.März 2025 und vom 21.April 2025. Es geht bei beiden um den Text eines in Italien sehr bekannten Meditationslehrers mit dem Namen Corrado Pensa. Und er trägt den Titel „Betrachtungen über die Dankbarkeit“.

Es handelt sich dabei um einen sehr tiefen, reichen und überaus feinen Text, den ich unbedingt empfehlen möchte! Seine Zartheit und Sensibilität sind für mich wirklich sehr berührend. Eine echte Wiederentdeckung!

Tja, und nun komme ich hier mit meiner deutlich gröberen Art und will auch noch was zu diesem Thema beitragen. Immerhin mit einem etwas anderen Ansatz, wie ich hoffe. Also weiter: Dankbarkeit und Danken.

Und so möchte ich jetzt als erstes einen amerikanischen Zen-Meister hinzu-ziehen, Robert E. Kennedy. Er wurde 1933 geboren, ist amerikanischer Jesuit, Theologieprofessor, Psychoanalytiker und Zen-Meister in der Linie des Weißen Pflaumenordens, welcher von Bernie Glassman gegründet wurde. In seinem Buch „Zen Spirit – Mystische Wege zu Gott“ (S. 98ff), schreibt Kennedy, dass der Mensch vor allem ununterbrochen dankbar sein soll für die Gnade Gottes, die er uns unablässig schenkt. Das, was wir z.B. alles als gut, hilfreich oder verdienstvoll ansehen, und auch der Wunsch, dass wir gerne immer so sein möchten, ist nur ein Geschenk Gottes an uns. Niemals von uns selbst und unserem kleinen „Ich“ erdacht, geplant oder gewünscht worden, sondern immer nur, weil Gott es „gedacht“, „gewollt“ und durch uns durchgeführt hat und unablässig durchführt. Genau das zu erkennen und sich dessen bewusst und vor allem dankbar dafür zu sein, ist unsere wichtigste Aufgabe sozusagen. So schreibt es Robert E. Kennedy.

Diese Erklärung kommt zwar scheinbar wieder „nur“ aus der Sicht der sogenannten Wesenswirklichkeit, aber aus unserer menschlichen Sicht der Lebenswirklichkeit ist es selbstverständlich genauso richtig, in unseren gewohnten Kategorien zu denken, zu leben und voranzuschreiten. Wie denn auch sonst? Es geschieht ja immer und überall nichts anderes als Wesenswirklichkeit und zwar im Sinne von: Wesenswirklichkeit = Lebenswirklichkeit. Keine Trennung möglich! – Und genau das ist ja das Vertrackte und so Unverständliche immer wieder. Verstehen geht einfach nicht, aber selbst erfahren, d.h. selbst realisieren, das ist möglich. Für jeden einzelnen von uns.

Zu dieser für uns so unverständlichen Untrennbarkeit von Wesens- und Lebenswirklichkeit möchte ich hier gerne ein weiteres Beispiel der Annäherung anführen, wenngleich auch aus einem ganz anderen Gebiet, in diesem Fall aus der Biologie.

Dafür ziehe ich den von mir hoch geschätzten, leider bereits verstorbenen Wissenschaftsjournalisten Prof. Hoimar von Ditfurth hinzu. Er wurde vor allem ungefähr in den 1970er und 1980er Jahren sehr bekannt, weil es ihm gelang, auch die kompliziertesten naturwissenschaftlichen Sachverhalte selbst für uns absolute Laien zu erklären. Seine Fernsehserie „Querschnitt“ und seine Bücher waren für mich immer ein Highlight! Einigen von Euch ist er ja vielleicht auch noch ein Begriff.

In seinem Buch „Der Geist fiel nicht vom Himmel“ z.B. beschreibt er sehr gut verständlich aus wissenschaftlicher Sicht die evolutionäre Entstehung und Entwicklung all unserer Sinne, unseres Gehirns, des Denkens und der Erkenntnisfähigkeit. Natürlich dadurch für uns eventuell aus eher ungewöhnlicher Perspektive, weil nicht aus spiritueller Sicht. Aber er beendet sein Buch schließlich mit den für mich völlig überzeugenden Gedanken, dass ohne einen zuvor bereits da gewesenen Geist sich das Leben, also auch unser menschliches Leben, bis hin zu unserem Bewusstsein niemals so hätte entwickeln können.

Ich zitiere:

Wir müssen uns die Frage stellen, wie es möglich gewesen ist, dass die Materie im Verlaufe ihrer evolutionären Entfaltung schließlich Individuen hervorgebracht hat, die an einer geistigen Dimension teilhaben. Der Frage, ob unsere Fähigkeiten des Erinnerns, des Wahrnehmens und des Bewusstseins auch noch Leistungen allein dieser sich zu immer höherer Ordnung entfaltenden Materie sind oder ob sie über sie hinausweisen.

Alle diese Fragen zielen weit über das hinaus, was wir wissen können. Aber alles, was in diesem Buch gesagt worden ist, mußte uns auch in unserer Überzeugung bestärken, dass die Welt nicht dort aufhört, wo unser Wissen zu Ende ist.

Und dann wagt er noch eine letzte Vermutung:

Das Gehirn hat das Denken nicht erfunden, so hatten wir schon am Anfang festgestellt. So wenig, wie die Beine das Gehen erfunden haben oder die Augen das Sehen. Beine sind die Antwort der Evolution auf das Bedürfnis nach Fortbewegung auf dem festen Boden gewesen. Und Augen waren eine Reaktion der Entwicklung auf die Tatsache, dass die Oberfläche der Erde von einer Strahlung erfüllt ist, die von festen Gegenständen reflektiert wird. Dieser Umstand erst gab der Evolution die Möglichkeit, Organe zu entwickeln, die sich dieser Strahlung zur Orientierung bedienten.

So gesehen sind Augen also ein Beweis für die Existenz der Sonne. So, wie Beine ein Beweis sind für das Vorhandensein festen Bodens und ein Flügel ein Beweis für die Existenz von Luft. Deshalb dürfen wir auch vermuten, dass unser Gehirn ein Beweis ist für die reale Existenz einer von der materiellen Ebene unabhängigen Dimension des Geistes.

Und schließlich, weist von Ditfurth noch auf die, wie er sie selbst beschreibt „wohl grundlegendsten aller unserer anthropozentrischen Missverständnisse und Selbsttäuschungen“ hin.

Nämlich:

Es ist doch eine wahrhaft aberwitzige Vorstellung, wenn wir immer so tun, als sei das Phänomen des Geistes erst mit uns selbst in dieser Welt erschienen. Als habe das Universum ohne Geist auskommen müssen, bevor es uns gab.

Ditfurth meint dann, dass genau die umgekehrte Perspektive dem wahren Sachverhalt sehr viel näherkommen dürfte.

Geist gibt es in der Welt nicht deshalb, weil wir ein Gehirn haben. Die Evolution hat vielmehr unser Gehirn und unser Bewusstsein allein deshalb hervorbringen können, weil ihr die reale Existenz dessen, was wir mit dem Wort Geist meinen, die Möglichkeit gegeben hat, in unserem Kopf ein Organ entstehen zu lassen, das über die Fähigkeit verfügt, die materielle mit dieser geistigen Dimension zu verknüpfen.

Ende des Zitats und der vorherigen Zitate, zu finden in dem oben erwähnten Buch auf den Seiten 317 und 318.

Wie gesagt, es ist ein Buch über biologische Erkenntnisse. Und zwar denen von vor ca. 50 Jahren.

Inzwischen gibt es ja viele weitere höchsterstaunliche Ergebnisse aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Bereichen.

Über gewisse Ähnlichkeiten, Einsichten und Berührungspunkte aus diesen verschiedenen Fachrichtungen und den Erkenntnissen aus den meditativen Wegen wurde ja schon lange gestaunt, denn vieles war in der Meditation schon längst bekannt und beschrieben.

Ein beeindruckendes Beispiel dazu aus der Physik brachte Joachim Schumacher im Impuls vom 9.Juni 2026 auf unserer Bochumer Website.

Die vielen menschlichen Ansätze und Versuche zu erkennen, was genau wir eigentlich sind und wo wir herkommen, finde ich äußerst spannend und interessant, selbst, wenn ich nicht glaube, dass wir es jemals wirklich erklären werden können. Staunen kann man jedoch mit Recht allemal.

Noch ein weiteres kleines Beispiel möchte ich zur Ergänzung ebenfalls kurz erwähnen, weil ich nämlich regelmäßig besonders beeindruckt bin, wenn z.B. in der Astronomie mithilfe von hoch entwickelten Teleskopen u.ä. überwältigende Fotos aus dem Weltall zur Erde zurückgeschickt werden. Und fast noch schöner finde ich es zugegebenermaßen besonders dann, wenn die Ergebnisse mal wieder nicht mit den Berechnungen und Erwartungen übereinstimmen, sondern eigentlich gar nicht sein dürften…! Das passiert ja durchaus auch in anderen Fachrichtungen. Für mich persönlich ist das jedenfalls und ehrlich gesagt eine immer wiederkehrende zusätzliche Freude, denn bei aller Faszination und großem Respekt vor der Arbeit aller Beteiligten in der Forschung und deren ansteckender Neugier: ein bisschen demütig zu sein oder immer wieder zu werden kann uns allen nicht schaden, vor allem nicht in Sachen: „Krone der Schöpfung“! –

So und was hilft uns das nun alles auf unserem Weg der Zen-Kontemplation?

Für mich heißt das, wir dürfen auch die vielfältigen Entwicklungen, Erforschungen und Fortschritte aller Art in unserem Lebensalltag nicht außer Acht lassen, denn, wie sowohl von einem Naturwissenschaftler, als auch von einem Zenlehrer oben schon gesagt: unsere sämtlichen menschlichen Fähigkeiten sind nicht von uns selbst ausgedacht oder herausgebildet worden, sondern es ist ausschließlich „der Geist“, „die Wesenswirklichkeit“, und ich sage auch „Gotteswirklichkeit“ oder „Christuswirklichkeit“, die sich selbst hierbei in uns und durch uns ausdrückt. Egal welchen Namen oder Nichtnamen wir ihr geben und egal wie es sich darstellt oder zeigt.

Das bedeutet für uns hier auf dem Weg, dass wir uns unausweichlich erst einmal in die Tiefe, die Leere, das sogenannte Nichts hineinvertrauen müssen. Aber genauso vertrauen dürfen wir dann auch der gesamten Welt und unserem Leben, und zwar exakt so, wie wir es in jedem Moment wahrnehmen und empfinden. Kein Unterschied zwischen dieser sogenannten „Leere“ und unserem Leben in jedem Augenblick.

Die vollkommene Annahme genau dieses Faktums ist die absolute Befreiung.

Und die vollkommene Dankbarkeit folgt auf dem Fuße.

Nur Mut!

Ich danke Euch.

U.R.-F.