Vorbemerkung: Dies ist Teil 2 des Teishos, welches Petra Schmitz-Arenst am 7. Juni in Hattingen-Welper gehalten hat. Teil 1 wurde vor ca. 2 Wochen hier veröffentlicht unter Überschrift: „Sich setzen heißt sich erbarmen“.
Ich wiederhole: Spüren ist der Weg zum Wahren Selbst. Unsere Übung ist – laut Pater Johannes – ein „Spür-bad“.
Der ganz in das Spür-bad eingetauchte Leib wird zu einem Spür-organ. Der Leib ist nicht abgeschlossen mit seiner Haut, sondern aufgeschlossen [hin] zum Raum und zur Wirklichkeit. Die Leibesgrenzen erfüllen ihren Sinn in der Ent-grenzung und das ganze Universum ist … Heilbad. … Und wer kann es erklären, wenn ich mich ganz spüre, spüre ich mich nicht mehr. [Ist das nicht wundersam? Und wie wahr: wenn ich mich ganz spüre, spüre ich mich nicht mehr!] Und damit hat die Berührung ihren Sinn erfüllt. … dieses … Von-sich-Loskommen und nichts mehr von sich wissen und spüren [ist] wie das gesunde Auge, [welches] sich [selbst] nicht sieht und auch nicht spürt und [gerade] deswegen richtig sieht.[1]
Nichts mehr von sich zu wissen und nichts mehr von sich zu spüren – das erinnert an Dogen Zenjis Worte von „body an mind fallen away“ – den Zustand des „Körper und Geist abgefallen“. „Den Weg zu studieren heißt sich selbst studieren – Sich selbst studieren heißt sich selbst vergessen.“[2]
Der hier beschriebene Weg des Spürens führt also über das Erspüren zum Hindurchspüren der Körper-Grenzen hinein in die vollkommene Unbegrenztheit, in der unser normales, alltägliches Bewusstsein von „Ich habe einen Körper, ich spüre seine Grenzen“ völlig erloschen ist und wir nur noch lebendig spürender Körper sind, eins und identisch mit dem weiten, offenen Raum…. Dies kann nur erfahren werden und führt in der Tiefe zum Sein als Unendlichkeitswesen in der Selbstvergessenheit des Samadhi, die in den völligen Selbstverlust, in das Nichts oder die Leere mündet, in dem das Ich ver-nichtet wird und das erst in dieser Vernichtung sich selbst findet als die ganze und einzige ungeteilte und unteilbare Wirklichkeit. In dieser einen einzigen ganzen Existenz erkenne ich mich in allen anderen als mich selbst in absoluter Wesensgleichheit.
Dies ist der Quell – hier entspringt die unbedingte Liebe und die von jeglichen Bedingungen unabhängige, bedingungs-lose Barmherzigkeit, die sich allem und jedem schenkt.
Was sieht dieses Auge „[welches] sich [selbst] nicht sieht und auch nicht spürt und [gerade] deswegen richtig sieht“? Es ist das Auge, das die Wirklichkeit an sich sieht, so wie sie wirklich ist (in ihrer So-heit). Es ist das Auge des Neuen Bewusstseins, das Pater Lassalle nicht müde wurde zu verkünden, und das Pater Johannes die „geistige Kern-energie“ nannte.
Die Wirklichkeit an sich zu sehen, so wie sie wirklich ist, heißt sie zu sehen ohne jegliche Spur von Ich-haftigkeit oder Ego, aus einem Bewusstsein der Selbst-Losigkeit heraus, in dem keine Trennung mehr existiert: der, die andere ist nicht mehr „gegen-über“, ist nicht mehr Objekt meiner subjektiven Wahrnehmung, sondern alles, was zu sehen ist, was gesehen wird – das bin ich selbst! Es gibt nichts, was „anders“ oder „fremd“ genannt werden könnte! Aus diesem Grund konnte der Buddha ausrufen: Ich bin der Einzige im ganzen Universum!
Ruben Habito, zugleich Christ und Zen-Lehrer, schreibt dazu:
[Erst][3] aus dieser Perspektive… wird alles mit dem Auge der Weisheit gesehen. Erst im Licht dieses Auges der Weisheit entsteht wahres Mitgefühl, denn alle Schmerzen, alle Freuden, alle Leiden, alle Schreie von allen Lebewesen im Universum sind als solche mein Schmerz, meine Freude, meine Leiden, mein Schrei. … Das ist überhaupt nicht zu vergleichen mit jenem oberflächlichen „Mitleid“ mit anderen, bei dem man den Leidenden aus einer Perspektive außerhalb dieses Leidens betrachtet[4]. Hier, in der Welt der Leere, lässt man sich auf dieses Leiden wie auf sein ureigenes Leiden ein.[5]
Yamada Ryoun Roshi, der Nachfolger von Yamada Koun und heutiger Abt des Sanbo Zen soll es so ausgedrückt haben: „Mit der Erleuchtung kommen fortwährend das Mitleid und Erbarmen hervor. Wieso ist das so? Niemand weiß es. Wenn dieser Wunsch einfach hervorkommt, wie viel Erfahrene in der Zen-Tradition bezeugen, dann kann man wohl mit Recht sagen, dass Erbarmen Ausdruck und Definition [Wesen] der Existenz der Leere ist.
In christlicher Sicht und im Anschluss an die Zeugnisse der Mystiker können wir sagen: Das Erbarmen entspringt und ist Ausdruck der unendlichen Liebe Gottes, die wir im Seinsgrund, in dem wir uns in Selbstvergessenheit verloren haben und in dem Gottfindung und Selbstfindung EINS sind, als unser Wahres Selbst erfahren. Aus der Erfahrung des Wahren Selbst als Liebe und Erbarmen können wir selbst barmherzig sein.
„Sich setzen heißt sich erbarmen“.
Zazen ist der Weg zu Barmherzigkeit, IST selbst schon Barmherzigkeit mit und für uns selbst und alle anderen Wesen und unsere Mitwelt.
Als mich Pater Johannes zur Schülerin angenommen hat, gab er mir[6] einen Spruch, der mich auf meinem Zen-Weg begleiten und mir Weisung sein sollte:
„Stets wohne im großen Erbarmen und lasse die unermesslichen Segnungen des Zazen allen Wesen zuteilwerden!“
Dies sind Worte von Meister Keizan aus dem 13. Jahrhundert, einem bedeutenden Zen-Meister, der in seiner Lehre besonders die Kraft der Kannon betonte. Kannon ist der japanische Name der weiblichen Verkörperung des zentralen Bodhisattvas des universellen Mitgefühls. Bodhisattvas sind – wie Ihr sicher alle wisst – im Mahayana-Buddhismus Wesen, die bereits Erleuchtung erlangt haben, aber nach klassischer Lehre freiwillig darauf verzichten, ins endgültige Nirvana einzugehen, um anderen Lebewesen zu helfen, ebenfalls die Erleuchtung, die Befreiung zu finden. Sie stehen für Mitgefühl, Güte, unermüdliche Hilfe. Ihr Sein erfüllt sich im Dienst an allen Mitwesen.
Dieses Bodhisattva-Ideal ist auch vollkommen passende Inspiration für die Realisierung unseres christlichen Wegs als Nachfolge Jesu Christi. Das war Pater Johannes so wichtig, dass er die Bodhisattva-Gelöbnisse als festen Bestandteil in den täglichen Ablauf unserer Sesshins integriert hat. Damit wollte er verdeutlichen, um was es in unserem Programm wirklich geht:
Wir sitzen nicht für uns allein, sondern wir „schließen die ganze Schöpfung ein“, wie es in der Einleitung zu unserem Grundgebet heißt. Diese Einleitung macht bereits den fundamentalen Aspekt unseres Programms deutlich: wir meditieren nicht zu unserem eigenen Wohl und zu unserer eigenen Befreiung, sondern das Geistige, das Gute, das Heilsame, das hier geschieht, soll allen Wesen, der ganzen Mitwelt, dem ganzen Kosmos zugutekommen, soll universell segensreich sein. Wir leben miteinander (in Koexistenz) und füreinander (in Pro-existenz). In diesen beiden Aspekten, und vor allem in letzterem, in der Hingabe vollziehen sich Sinn, Gelingen und Erfüllung menschlicher Existenz.
„Stets wohne im großen Erbarmen und lasse die unermesslichen Segnungen des Zazen allen Wesen zuteilwerden“ – diesen Spruch möchte ich zum Schluss auch Euch ans Herz legen, er ist schon in sich selbst Segnung und so begleite er Euch in Eurer Meditation und inspiriere Euch in Eurem Alltag:
„Lasst uns erwachen zum wahren Selbst, [und] Völlig Erbarmende werden“
– dazu lädt uns Shin’ichi Hisamatsu[7] ein in seinem Gedicht „In Wahrheit und Fülle leben“.[8]
Lasst uns dies zur größten Motivation werden! Denn:
Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erfahren. (Mt 5,7)
Danke!
Petra Schmitz-Arenst
[1] Johannes Kopp, Schneeflocken fallen in die Sonne, 1994, S. 156.
[2] To study the way ist to study the Self – to study the Self ist to forget the Self. (Dôgen Zenji, Genjokoan).
[3] Originaltext: „Und“.
[4] Anmerkung: also einer Perspektive der Trennung, des Getrennt-Seins: es ist nicht mein Leiden, sondern das eines Anderen.
[5] Ruben Habito, Zen leben, Christ bleiben, 2004, S. 181.
[6] Und auch anderen, die sich zur Schülerschaft entschlossen.
[7] Renommierter Gelehrter des Zen und Philosoph mit Interesse für christliche Religion und deutsche Philosophie.
[8] Auffindbar unter: https://mystikaktuell.wordpress.com/2016/04/14/in-wahrheit-und-fuelle-leben-2/

