Zum 10.Todestag von Pater Johannes Kopp (Hôun-ken Wolke des Dharma)
Nach der kleinen Pause im Mai, in dem kein Zazenkai am Donnerstag stattgefunden hat, darf ich euch heute alle ganz herzlich willkommen heißen zum Tag in der Stille hier in unserem Zendo in Hattingen.
Ganz bewusst begrüße ich euch heute mit dem Wort Herzlich – Herzlich Willkommen. Die meisten werden es noch wissen, dass dies das letzte „Jahreswort“ von Pater Johannes war, was er in seiner schwungvollen Schrift und großen Buchstaben auf ein Flipchart Blatt geschrieben und an der Tür zum Essener Zendo angebracht hatte.
Den heutigen Zazenkai möchte ich von Herzen Pater Johannes widmen anlässlich seines 10. Todestages am 22. Juni. Es gäbe sicher Vieles, was ich über oder von Pater Johannes heute sagen könnte. Doch ich möchte mich beschränken auf wenige Aspekte der letzten Begegnungen – die eines Mitbruders und meine eigene letzte Begegnung – und damit auf das, was er uns dadurch heute, hier und jetzt auf unserem eigenen Übungsweg mitgibt.
Ich weiß gar nicht mehr genau wann und wie ich dieses Blatt mit dem Text eines Mitbruders von Pater Johannes bekommen habe, jedenfalls lag dieses Blatt bei älteren Aufzeichnungen von mir und kam mir just in den Blick, als ich dieses Teisho schreiben wollte. Überschrieben ist der Text mit:
Eine Begegnung mit Pater Johannes
Es war ein paar Tage nach einer der letzten Sesshins, die Pater Johannes begleitet hatte. Ich hatte als sein Mitbruder nochmals die Gelegenheit ergriffen an einem Kurs von ihm teilzunehmen. Die Gespräche im Dokusan während des Kurses waren von einer herzlichen und freundschaftlichen Atmosphäre getragen. Es war, wie wenn wir uns auf besondere Weise nochmals tiefer begegnen durften.
Ein paar Tage nach dem Kurs rief mich Pater Johannes zu meiner Überraschung im Büro meiner Arbeitsstelle an und erkundigte sich ohne Umschweife nach meinem Befinden, „Wie geht es dir?“
Die unverhoffte Tatsache seines Anrufs und diese direkte Frage überraschten mich und ich antwortete ohne nachzudenken aber ganz aufrichtig: „Mir geht es gerade nicht so gut“. Nach einem kurzen Schweigen am anderen Ende der Leitung kam die nächste Frage: „Weißt du, warum das so ist?“ …Und ohne meine Antwort lange abzuwarten, gab er mir zu verstehen: Weil du ein Mensch bist!
Die Wirkung seiner Fragen und seine entwaffnend-befreiende Antwort führten dazu, dass ich mich unmittelbar getröstet und gelöst fühlte, ja eine spontane Heiterkeit in mir Raum gewann.
„Warum ist das so?“…. „Weil du ein Mensch bist!“
Manchmal verbirgt sich die Weisheit Gottes in einem schlichten Menschenwort, gesprochen von jemandem, der über die vielen Jahre der Übung auf das Einfachste Gottes hin durchlässig geworden ist.
Soweit der Text des Mitbruders
In vier Tagen am 22. Juni ist der zehnte Todestag von Pater Johannes. Und genau heute vor zehn Jahren habe ich die letzte Begegnung mit ihm erlebt. Nach einem anstrengenden Arbeitstag in der Hospizbewegung und nach einem raschen Entschluss habe ich mich auf den Weg gemacht nach Limburg, zum Haus der Pallottiner, in dem Pater Johannes seit einigen Monaten wohnte.
Ich bin mit sehr gemischten Gefühlen unterwegs gewesen. Da war Freude in mir, ihn noch einmal sehen zu können. Da war auch eine tiefe Traurigkeit in dem Bewusstsein, dass dies unsere letzte Begegnung sein würde. Ich war traurig, dass er sterben würde – unausweichlich. Da war auch eine Unsicherheit in mir und die Frage: Wie wird es sein? Was erwartet mich? Was erwartet mich in dieser Nachtwache?
Da höre ich jetzt Pater Johannes auch sagen: „Warum ist das so?“ – „Weil du ein Mensch bist!“
Mit all diesen Gefühlen bin ich dann abends im Krankenzimmer angekommen.
Doch all diese Gedanken und Gefühle waren nicht mehr da, als ich das Zimmer betreten habe. Es umfing mich ein Raum von Frieden und Liebe.
Später am Abend kam noch ein Mitbruder dazu und wir saßen längere Zeit gemeinsam am Bett. Dann wollte sich Pater Johannes aufrichten. Wir setzten ihn auf seinen Wunsch hin in einen Sessel.
Aufrichtung – Die Aufrichtung
In seiner Schrift: „Das Wunderbare ist möglich“ schreibt er dazu:
„Sich in seinem Leibe aufrichten“, gelöst, unbeweglich, in äußerer und innerer Stille ist ein ganz und gar körperlicher Vollzug. Der Weg beginnt mit Körperarbeit und bleibt Körperarbeit. Es gibt keine andere Spiritualität, als dass der Körper sich wahrnimmt als das, was er ist: verkörperte Spiritualität. Spiritualität, nie freischwebend vom Körper losgelöst. Aber auch der Körper nie losgelöst von seiner Spiritualität. Der Weg beginnt mit dem Körper und führt hin zu dieser Erfahrung des Körpers, der ebenso Körper wie auch Nicht-Körper ist, der die unendliche Wirklichkeit verkörpert, in dem das Wort Fleisch geworden ist.
Ich füge hinzu: Eben auch im Sterben.
In dieser Situation hob Pater Johannes die Hände, auch wenn es ihm sichtlich schwer war und sagte laut und deutlich:
„Ich segne – Alle und Alles“
Das hat mich tief berührt in diesem Augenblick, dass er in diesen Stunden, in denen er sich selbst glaube ich sehr klar darüber war, wo sein Weg hingeht, dass er in dieser Zeit Alle und Alles im Blick hatte. Dies kann nur geschehen aus einer tiefen Erfahrung von Einssein heraus, aus tiefer Erfahrung der Wesensnatur – und dadurch heraus in diesem tiefen Mitgefühl für Alle und Alles.
In diesem unendlich tiefen Mitgefühl für Alle und Alles, für die ganze Schöpfung segnet er.
Segnen heißt, einem anderen Menschen Gutes zuzusprechen, ihm den Segen Gottes zu wünschen und ihm so Schutz und ich benutze bewusst das gute alte Wort, ein Behütetsein zuzusprechen. Segnen dürfen wir alle.
Ich kenne durchaus Menschen, die im Alltag segnen und tue das selbst auch ab und an, dass ich Menschen segne, ein kleines Kreuzzeichen auf ihre Stirn mache und sage: Sei gesegnet. Manchmal tun dies vielleicht Eltern bei ihren Kindern, oder Menschen, die sich lieben, die einander segnen, wenn sie sich verabschieden müssen und sich so Segen zusprechen. Eine wunderbare, berührende Geste, die Kraft und Vertrauen schenkt.
Pater Johannes schrieb zum Segen von Sterbenden in der Schrift: Von jener Stunde an:
Der Tod eines lieben Menschen kann aber auch erfahren werden als eine Segnung und Weisung für das ganze Leben. Jeder Sterbende ist ermächtigt zum Segnen – nicht mit Worten, sondern mit seinem zum Segen gewordenen Leben.
Da fällt mir gerade der Text vom japanischen Zen-Meister Keizan Jokin ein, der im 13. Jahrhundert lebte. Pater Johannes gab sie bei jeder Annahme einer Schülerin oder eines Schülers mit auf den weiteren Weg:
Stets wohne im großen Erbarmen und lasse die unermesslichen Segnungen des Zazen allen Lebewesen zuteilwerden.
Damit wird das eigene Erfahrene zum Segen für andere.
„Ich segne Alle und Alles“
„Warum ist das so?“ „Weil du ein Mensch bist!“
Später in der Nacht sagte er zu mir: Bitte für mich! Bitte für mich!
Da bittet der Zenmeister und Priester Pater Johannes darum: Bitte für mich! Es ließ mich an das denken, was er so oft gesagt hat: Die größte Bitte ist der Dank. Der Dank, dass wir um alles bitten dürfen. Er sprach auch von der Wesensbitte.
Zitat von ihm: Das Wesentliche des Gebetes ist das Eingeständnis: Ich kann um alles bitten. Unsere Übung ist ganz und gar mit allem, was wir einsetzen eine Geste des Bittens.
Dank sage ich vor allem heute für das, was Pater Johannes allen suchenden Menschen im Programm „Leben aus der Mitte-Zenkontemplation“ ermöglicht hat, nämlich als Christen den Übungsweg im Zen zu gehen, sich einzulassen auf das Sitzen in der Stille in der unterstützenden Gemeinschaft in Sesshins, Zazenkais und den Regionalgruppen, genau wie heute an diesem Tag.
All diese Menschen wären heute nicht hier, wenn es nicht Pater Johannes gegeben hätte, der dieses Programm aus vollem Herzen und mit dem inneren Brennen in sich gegründet hat. Er hat bis ins Sterben hinein gelebt, was ihm zum Wichtigsten geworden ist.
In den frühen Morgenstunden wollte Pater Johannes das Grundgebet sprechen und versuchte immer wieder und wieder das Grundgebet zu vollziehen. Der Vollzug der Übung, wie er selbst sich ausgedrückt hatte.
Das WIE ist wichtig. WIE vollziehe ich die Übung – die Praxis in der Meditation und WIE setze ich das Erfahrene um in meinem täglichen Leben?
Wir alle kennen das Grundgebet mit dem wir entweder eine Meditation beginnen oder sie beenden. Doch es sind nicht nur die Worte, die wir sprechen, zum Vollzug gehören ebenso die Gesten, das Kreuzzeichen in der Berührung von Stirn, Leibmitte und linker und rechter Seite in Schulterhöhe.
Dieses Kreuzzeichen hat er aus eigener Kraft heraus nicht mehr ganz geschafft. Er bat mich, dass ich seine Hand führe. Unermüdlich eine ganze Stunde lang Grundgebet: immer und immer wieder ganz neu – im Beginn!
Im Namen des Vaters, der uns in unendlicher Liebe erschaffen hat
und des Sohnes, der uns in unendlicher Liebe erlöst hat
und des Heiligen Geistes, der uns in unendlicher Liebe
heiligen und verherrlichen will,
in Ewigkeit. Amen.
Es gab nur diese Worte, nur die Hände, die sich berührten und das Kreuzzeichen machten, nur dies, nur dies, nur dies!
Das, was ich jetzt hier aus dieser eigenen letzten Begegnung heraus gesprochen habe, was ich dort in diesen Stunden der Nacht erfahren durfte, ist eine einzige Unterweisung im Zen durch den Zen-Meister Pater Johannes Kopp. Und sie ist es auch genau jetzt in diesem Moment.
Konzentriert auf das wirklich Wesentliche, die Aufrichtung, den Vollzug unserer Übung, das WIE und der Segen, die Segnung.
Vier Tage später bekam ich nachmittags von Marianne Krenz die Nachricht: Johannes hat seinen Frieden gefunden.
„Warum ist das so?“- „Weil du ein Mensch bist!“
Danke Johannes
Stephanie Hahn

