Uneingeschränkte Akzeptanz

Letztes Mal sprach ich u.a. über das Hotsuganmon von Dôgen Zenji. Es wird vielfach als Gebet bezeichnet, aber genauso oft auch als Gelübde. Zur eigenen täglichen Erinnerung an den Weg, den ich gehen will und die dementsprechende Einstellung dazu, um nicht zu vergessen, was ich versprochen habe. Mir selbst und dem gesamten Universum. Also ein Bittgebet und gleichzeitig eine starke Eigenmotivation.

Buddhisten beten zu Buddha, Manjushri (Bodhisattva der Weisheit, Einsicht und des Lernens), zu Fugen Bosatsu (Bodhisattva der Praxis, Meditation und des Mitgefühls) und zu Bodhidharma (dem aus Indien stammenden Mönch, der in China die Chan- und Zenlinien gegründet hat). So Yamada Kōun Roshi im Hekiganroku, Fall 62, Seite 113. Er vergleicht dort alle Suchenden auf dem Weg mit einem neugeborenen Kind, welches von den Menschen in seiner Umgebung freudig erwartet und aufgenommen wird, und um das sich dann liebevoll gekümmert wird.

Ich zitiere: „In der unsichtbaren Welt über uns werden wir beobachtet und umsorgt, von Wesen, die uns helfen und retten wollen. Im Sprachgebrauch der Religionen werden diese Wesen Schutzgeister oder Schutzengel genannt. In der buddhistischen Tradition sind alle Buddhas und Patriarchen der unbegrenzten Vergangenheit solche Wesen, die erfüllt sind vom Wunsch uns zu helfen.“ Und weiter: „Sie verströmen Wellen des Mitgefühls wie Lichtstrahlen in alle Richtungen. Wenn wir uns im Gebet mit tiefer und aufrichtiger Inbrunst an sie wenden, kann das nicht ohne Antwort bleiben. Auch die Sutren betonen das in unzweifelhafter Weise.“ – Soweit Yamada Kōun Roshi im Hekiganroku.

Die Begriffe von Wesen oder Schutzgeistern und -engeln verleiten uns natürlich schnell wieder zu Vorstellungen von konkreten Wesenheiten oder beinahe Personen, die um uns herumschwirren. Vielleicht sollte man lieber „Kräfte“ oder etwas ähnliches eher Undefinierbares sagen.

Bei uns im Christentum kennen wir diese Vorstellungen und Erzählungen ja ebenfalls. Engel z.B. sind ziemlich klar definiert und werden in einer hierarchischen Systematik, auch bildlich gut voneinander unterscheidbar, dargestellt. Sie sind fest mit den biblischen Geschichten verbunden. Ebenso Erscheinungen und/oder Visionen verschiedener Art, denen man in Teilen des Christentums große Aufmerksamkeit schenkt und die ein wichtiger Bestandteil des Glaubens sind.

Im Gegensatz dazu steht der buddhistischen Zen-Weg. Erscheinungen, Visionen u.ä., in welcher Form auch immer, soll man hier ausdrücklich keine weitere Aufmerksamkeit schenken. Man bezeichnet sie vielmehr als sogenannte „Makyō“. Die Silbe „Ma“ bedeutet Dämon/Böses und die Silbe „Kyō“ meint Gegend/Bereich. Also sozusagen „der Bereich des Bösen“ und werden auch als „Dämonen- oder Teufelserscheinungen“ übersetzt. Es handelt sich um Illusionen, die vom eigenen Geist projiziert werden und können als Trug-Bilder, Klänge, Gerüche oder auch als veränderte Körperwahrnehmungen erfahren werden.

Sie bedeuten zwar ein starkes Sitzen in der Meditation, aber sie sind nur irreführend, also sollte man sie nicht weiter beachten, nicht an ihnen festhalten und auch nicht sie zu bekämpfen versuchen. Am besten nur zur Kenntnis nehmen und sie dann weiterziehen lassen. Das genau ist allerdings oft gar nicht so einfach, weil sie sehr intensiv und sehr eindrücklich sein können! Immerhin zeigen sie an, dass man sich auf dem richtigen Weg befindet.

Auf keinen Fall darf man sie allerdings verwechseln mit der sogenannten Erleuchtung, dem Kenshō! – Damit haben sie nichts zu tun! Sie bleiben eine unerwünschte Täuschung des Geistes, manchmal ein echtes Hindernis, gerade wegen ihrer möglichen Intensität.

Also: auch mit all unseren allerbesten Absichten können wir immer wieder in Schwierigkeiten geraten.

Bei den gerade erwähnten Begriffen von „Dämonen“, „Teufel“, dem „Bösen“ usw. fällt mir auch noch der „Widersacher“ ein. Ich vermute, die meisten von uns haben von ihm schon gehört, womöglich ihn auch schon erfahren.

Widersacher nennt man diejenigen, ich sage mal wieder, „Kräfte“, die uns scheinbar immer wieder von unserem Weg in die große Leere oder, wie wir auch sagen könnten, zu Gott, unbedingt abbringen wollen. Wie gerade schon gehört werden diese Kräfte auch in anderen Religionen als Teufel oder z.B. auch Dämonen bezeichnet. Im Christentum sprechen wir vom Teufel, der ja auch Jesus immer wieder in Versuchung zu bringen versuchte.

Was könnte das nun sein oder bedeuten? Den Teufel an sich, quasi als das personifizierte Böse mit all den Insignien, die ihm zur Verdeutlichung angedichtet wurden, gibt es meiner Ansicht nach so 1:1 wie gedacht nicht.

Und auch die Dämonen, so furchterregend und überzeugend sie in vielerlei Darstellungen in einigen Religionen gezeigt und beschrieben werden, darf man sich, wiederum meiner Ansicht nach, auch nicht haargenau so wie geschildert vorstellen. Es sind keine eigenständigen Lebewesen, sondern ausgedachte und beschreibende Bilder, die versuchen uns und unserer menschlichen Verständnismöglichkeit eben dieses Phänomen näher zu bringen. Diese, ich sage mal wieder „Kräfte“ oder sogar „bösen Kräfte“, sind anscheinend nur darauf aus, uns und das Leben insgesamt sozusagen, (Achtung: Wortspiel) – „auf Teufel komm raus“ – vernichten zu wollen, nur, um das sogenannte „Gute“ auf gar keinen Fall zuzulassen, d.h. vor allem nicht unseren Weg zu Gott, bzw. in die unendliche Wirklichkeit hinein.

Das erinnert mich unter anderem an das schon mal von mir beschriebene Ego, welches ja ständig um seine scheinbare eigene Existenz kämpft und mit dem wir ja grundsätzlich ringen und umgehen müssen auf unserem Weg tiefer in die unendliche Wesenswirklichkeit. Also Ego=Widersacher? Ich meine, es handelt sich nur um 2 verschiedene Namen derselben Kraft.

Meiner Erfahrung nach tritt dieser eben genannte Widersacher jedenfalls besonders dann gerne und laut auf, wenn ich gerade ins Sesshin will oder auch danach, wenn ich kurz zuvor relativ tief in der Meditation gesessen habe, wie z.B. nach einem Zazenkai oder Sesshin.  Da schimpft und meckert es zumindest bei mir immer wieder über diese ganze Meditation, ich bin schlecht gelaunt und, und. Aber ich habe gelernt, dass ich dann diese aggressive Mecker-Laune sich am besten erstmal austoben lasse. Ihr Raum geben und mich dabei auch mal selbst bemitleiden. Warum? Keine Ahnung, aber am nächsten Tag ist dann erfahrungsgemäß alles wie weggeblasen. Beim Widerstand dagegen oder dem Versuch sich zu disziplinieren oder sich z.B. wieder in die „schönen“ Sesshinmomente hineinzubegeben, wird alles nur noch schlimmer. Sich zu irgendetwas zu zwingen oder festhalten wollen von schönen oder angenehmen Momenten in der Vergangenheit ist ja sowieso kontraproduktiv.

Also, wenn irgendetwas meckern will, dann eben mal kurz meckern lassen, es anschauen, zur Kenntnis nehmen und nicht weiter dran hängen bleiben. Wir sind Menschen und da gibt es eben allerlei verschiedene Regungen und Gefühle. Vollkommen normal. Und jede dieser Reaktionen hat einen guten Grund! So wie eben auch das Ego, bzw. der Widersacher. Sie gehören ohne Ausnahme alle genauso zum Schöpfungsprozess dazu, denn sie erfüllen nur die ihnen gegebenen Aufgaben, nämlich das Leben aus ihrer besonderen Sicht heraus zu verteidigen und zu erhalten und den sogenannten Gegner, der ihre vermeintliche Eigenständigkeit nicht anerkennen will, (nämlich die große Leere, Gott, das All-Eine) mit allen Mitteln zu piesacken, zu bekämpfen und, nicht unwichtig, ununterbrochen in Versuchung zu führen.

Und so stehen wir nun genau in dem großen Thema von Gut und Böse. Oha!  Extrem großes Thema! Dennoch: Meine Frage lautet: Gibt es diese Gegensätze denn überhaupt? Sind sie nicht vielleicht nur eine Einteilung in unserem logischen Denken, in unseren Köpfen, die werten und bewerten und das auch müssen zur eigenen Selbsterhaltung und um uns überhaupt orientieren zu können in dieser, unserer Lebenswirklichkeit?

Nachdem ich in meinen vorherigen Teishos ja bereits über die offensichtliche Zusammengehörigkeit von verschiedenen scheinbar gegensätzlichen Phänomenen gesprochen habe, so von Leid und Liebe und Barmherzigkeit, nämlich: ohne Leid keine Liebe und Barmherzigkeit, wage ich es einfach mal zu sagen, dass womöglich auch das „Gute“ und das „Böse“ gar nicht voneinander zu trennen sind. Dass beide Kräfte sich ebenfalls gegenseitig bedingen. Dass sie zusammengehören. Dass das eine nur auftritt, weil das andere gerade entsteht oder entstanden ist? Nicht unmöglich wie ich finde.

Das würde dann auch bedeuten, dass es eben wirklich keinerlei Spaltung gibt zwischen irgendwem oder irgendwas. Nichts Böses von außerhalb als Gegenpart oder Feind Gottes, keine Unfähigkeit oder Fehlleistung Gottes, kein Versagen der Schöpfung oder der Evolution. Nur das natürliche Unverständnis unsererseits, denn wir sind und bleiben „nur“ Menschen mit allen unseren Fähigkeiten und allen unseren eingeschränkten und eben doch begrenzten Möglichkeiten. Das und so ist einfach unser ganz normaler, jetziger, aktueller Stand der Dinge. Kein Grund uns zu bedauern, kein Grund uns zu überschätzen, nur weiterhin die große Übung uns in all das hineinzuvertrauen.

Und dazu kann und darf man dann natürlich auch Alle und Alles um Hilfe bitten, beten, um diesen Weg weiter gehen zu können und um vor sich selbst vielleicht ein solches Gelübde abzulegen, zur eigenen Motivation und Erinnerung.

Niemand sagt, dass es leicht sein würde. Und auch die Erkenntnis, dass dies alles, nämlich sowohl „das Gute“, als auch „das Böse“ in Allem, und damit auch in jedem von uns vorhanden ist, und also auch von jedem von uns ausgelebt werden kann und wird, verlangt viel von uns ab!

Zwei scheinbar gegenläufige Prinzipien, die ununterbrochen in uns ringen, uns aber auch zu Einsichten und schonungsloser Klarheit verhelfen können.

Und wir haben als Menschen auch die Wahl uns dann so oder so zu verhalten. Und je mehr es uns gegeben wird uns tiefer und tiefer in diese Wirklichkeit einzulassen, desto einfacher und klarer werden unsere Entscheidungen und Handlungen sein, denn sie kommen nicht mehr nur aus dem Kopf, sondern aus eben jener Tiefe, in die wir uns eingelassen und die wir um Hilfe gebeten haben.

Darauf können wir ruhig vertrauen.

Ich danke Euch,

 

U.R.-F.