Frieden, ein Thema das mich in diesen Tagen besonders bewegt. Und die Frage, wie wir angesichts der derzeitigen Weltlage Zuversicht bewahren können und Hoffnung, dass Friede möglich sei oder werde. Dies scheint mir keine triviale Anfrage auch und gerade an unsere Zen-Praxis zu sein!
Ich weiß nicht, wie es Euch geht derzeit. Wenn ich in die Nachrichten blicke oder höre, habe ich das Gefühl, dass mir schwindlig werden könnte angesichts der Unerträglichkeit der sich überhäufenden Negativmeldungen. Ja, ich fühle mich zuweilen angefochten. Tief angerührt, gefordert im Sinne von herausgefordert und auch überfordert angesichts des zunehmenden Unrechts, der Gräuel und Gewalt, die in vielen Orten der Welt stattfinden und unermessliches Leid und Schmerz auslösen. Angesichts des „Bösen“, das in vielfältigen Formen und Maskierungen oder auch in offener, unverhohlener Dreistigkeit, ja Ruchlosigkeit in unserer Welt überhand zu nehmen scheint, ja übermächtig zu werden droht. Das „Böse“ habe ich in Anführungsstriche gesetzt, denn ob es dies als solches überhaupt gibt, ist ja überaus fraglich, da letztlich verletzendes, zerstörerisches Handeln immer durch Menschen verursacht und ausgeführt wird, die von ihrem Wahren Wesen entfremdet sind, als Resultat der grundlegenden Geistesgifte Gier, Hass und Nicht-Wissen um die Wahre Natur der Wirklichkeit, als Resultat einer verabsolutierten dualistischen Weltsicht, wie Pater Johannes es genannt hat, in der sich das Ego als getrenntes, in sich selbst beständiges und unabhängiges Selbst sieht, laut Yamada Koun Roshi die leidverursachende Illusion schlechthin.
Wie Zuversicht bewahren? Diese Frage bewegt mich besonders in Hinblick auf die junge Generation, unsere Kinder, auf junge Erwachsene und Jugendliche, die ihr Leben noch vor sich haben und sich hilflos und ausgeliefert fühlen angesichts der sich steigernden Polykrisen und der Verantwortung, die ihnen aufgebürdet wird durch die Altlasten der Generation ihrer Eltern und Großeltern, also von uns…. Diese junge Generation – so lese und höre ich – leidet vielfältig an existentiellen Ängsten, Pessimismus, Depression und Endzeitstimmung. Aktuell sind es 72% der 14-17jährigen, bei den bis zu 25jährigen variieren die Werte je nach Fragestellung zwischen 56 und 70%.[1] Wie Zuversicht vermitteln?
Und sollte ich mich überhaupt angefochten fühlen? Wie kann es sein, nach so vielen Jahren Zen-Meditation, dass ich mich angesichts der zerbröckelnden, aus den Fugen geratenden Welt niedergedrückt und alles andere als optimistisch fühle für die Zukunft und die Rettung unseres Planeten? Sollte ich nicht vielmehr mit Gelassenheit, mit Gleichmütigkeit, die doch die Früchte einer so langjährigen Praxis sein sollen, auf die Weltverhältnisse blicken? Und sollte nicht die Erfahrung des Wesens mich kraftvoll und mit strahlendem Blick durchs Leben schreiten lassen? Wieso zweifle ich? Bin ich nicht tief genug gegründet und verwurzelt in meiner Praxis, ja, in meinem Glauben?
Ist es überhaupt richtig, sich aufs Kissen zu setzen? Sollte ich nicht besser konkret politisch handelnd aktiv werden? Mystik und Politik gehören zusammen, sagte die große evangelische Theologin Dorothee Sölle, spirituelle Erfahrung muss ihren Ausdruck darin finden, dass sie sich der Welt zuwendet und ihre soziale Dimension realisiert.
Dies sind ernsthafte Fragen, die in einem kurzen Teisho nur ganz unzulänglich angesprochen, eigentlich nur flüchtig-andeutungsweise berührt werden können. Eines ist klar: diese ganze „vertrackte“ Weltsituation ist nicht mehr und nicht weniger als eine einzige Anfrage an mich selbst, an uns alle, eine Anfrage des Wesens. Diese Weltlage ist ein Spiegel, in den ich hineinblicke, diese Weltlage, das bin ich selbst! Im Mut und im Bewusstsein der Unvollkommenheit meiner Worte möchte ich nur einen Impuls, einen kleinen Fingerzeig geben. Auf der Suche nach Antworten kommen mir verschiedene Aspekte in den Sinn.
Zum einen glaube ich, dass es nur zutiefst menschlich ist, sich angesichts des verstörenden unermesslichen Leids in der heutigen Welt niedergedrückt und traurig zu fühlen, es ist einfach menschlich, mit zu empfinden, mit zu leiden und Mitgefühl zu haben. Die Praxis macht uns sogar noch sensibler, feinfühliger und offener, wir nehmen mehr und differenzierter wahr, werden „berührfähig“ (auch dies ein Wort von Pater Johannes) und das heißt, wir spüren auch Schmerz deutlicher und intensiver, den eigenen und in Resonanz den der anderen Wesen und der Mit-Welt; wir können uns gar nicht mehr „einfach dicht machen“, uns abschotten gegenüber dem Schmerz der Welt. Wie sollte unser Herz nicht angerührt werden davon? Sesshin – Herzberührung: es ist ja das Wesen unserer Praxis, „Geist und Herz zu sammeln“ und uns im „Herz-Geist berühren“[2] zu lassen. Und durch stetige Praxis realisieren wir immer tiefer, dass da keine Grenze ist zwischen unserem und dem Schmerz der anderen, dass es EIN Schmerz ist (im Sinne des Zen-verständnisses von Nicht-Zwei). Auch nach vielen Jahren der Praxis bleiben wir Menschen, verletzlich-menschlich und werden nicht zu gleichbleibend souveränen Automaten …. All dies sei mit größter Vorsicht und in Demut gesagt, denn wie können wir es sonst wagen, von unserem Schmerz überhaupt zu sprechen, wo doch die Lage der Menschen, der Opfer in den Kriegs- und Krisenzonen dieser Welt so unvergleichlich viel schlimmer ist?
Und doch: Pater Johannes sagte, es sei ein Kriterium für die Richtigkeit des Weges, dass die Befähigung zu Liebe und Mitgefühl in uns größer wird[3] … So gehört es auch dazu, sich selbst in Schmerz, Mit-Schmerz und Traurigkeit zu sehen in einem annehmenden, mitfühlenden, umarmenden Gewahrsein.
Zum anderen kommt es darauf an, wie wir mit Niedergeschlagenheit, Depressivität, Angst und Pessimismus angesichts der derzeitigen Weltsituation umgehen…. In letzter Zeit habe ich oft an Pater Johannes gedacht und mich gefragt, ob es ihm gelingen würde, sich angesichts des sich immer schneller drehenden Katastrophen-Rads, vor allem des ökologischen, sich nicht anfechten zu lassen…. Lebte er nicht in einer Zeit, in der die Beendigung des Kalten Krieges, die Friedensbewegung, die Abrüstungsbeschlüsse und andere Hoffnungszeichen es leichter machten, optimistisch in die Zukunft zu blicken?
…. mir kam in Erinnerung, dass er mir im vorgerückten Alter in Limburg von starken Stimmungsschwankungen erzählt hat, von depressiven Gefühlen, die ihn heimsuchten. Dann sagte er plötzlich und mit resoluter Stimme: „Wir müssen Depression und Verzweiflung auch als eine Art Versuchung betrachten!“ In mir blitzte etwas auf wie ein Licht – rein gefühlsmäßig sagte etwas in mir: das stimmt! Ich fühlte die Freiheit, die wir haben, uns nicht überwältigen zu lassen, Distanz einzunehmen gegenüber sogenannten Negativ-Gefühlen und – Gedanken, dass wir uns ihnen verweigern können. Dass wir ihrer niederdrückenden Botschaft keinen Glauben schenken müssen. Dass wir eine bewusste Entscheidung treffen können, dem Pessimismus nicht nachzugeben, ihm keinen Entfaltungs-Raum in uns zu gestatten. Dies ist auch bereits Frucht unserer Übung: Gedanken als Gedanken, als mentale Formationen erkennen und aus der Identifikation mit ihnen aussteigen zu können.
Es gilt also auch Widerstand zu leisten gegen innere und äußere Anfechtungen. Und zugleich ist mir bewusst, dass dies nicht „meine“ Fähigkeit, die Kraft des Kleinen Ich oder des Ego ist, sondern dass diese Kraft geschenkt wird aus der Quelle der Gnade. Und wo immer Menschen an Depression im klinischen Sinne einer echten psychischen Erkrankung leiden und sich nicht daraus befreien können, verdient das unser Mitgefühl und unseren uneingeschränkten Respekt. Meine Worte zuvor wollen dies in keiner Weise relativieren! Lassen wir jedoch, die SchülerInnen des Zen sind, uns von diesem Satz von Pater Johannes ermutigen: „Wir können Depression und Verzweiflung, Negativ-Gedankenschleifen, Katastrophisierungen als eine Art Versuchung betrachten!“ Lasst uns solche Phasen des Zweifels, des Ver-Zweifelns als Verdunkelungen, als Wüstenzeiten nehmen, die in gewisser Weise zum Weg dazu gehören, die uns jedoch tiefer auf den Weg rufen. Im Zen sprechen wir vom Großen Zweifel als wirkmächtigem Motor für unsere Praxis! Leiden, auch mit-leiden und Leid in mitfühlendem Gewahrsein zu halten und zu bezeugen, all dies treibt uns an, noch intensiver zu suchen, zu fragen, auf das Wesen zu lauschen.
In diesem Zusammenhang gibt es eine weitere Ermutigung durch Pater Johannes, die uns eben-dazu den Weg weist und an der wir uns orientieren können: er sprach von der „geistigen Kernenergie“, die unsere Übung freisetze zu einem neuen Bewusstsein. Leuchtendes Vorbild war ihm dabei Pater Lassalle: dieser wagte es, in einer kühnen Vision, einem radikalen Akt geistiger Freiheit die Atomkatastrophe von Hiroshima mit ihren 220.000 Opfern anlässlich des zeitgleichen Festes der Verklärung Christi am 6. August in ein Zeichen der Zuversicht umzudeuten!!! Die Erbauung der Weltfriedenskirche, auf deren Turm sich als Symbol der Phoenix zu neuem Leben aus der Asche erhebt, war das konsequente und analoge Zeichen, das er setzte:
Es ist ein ungeheuerlicher Anspruch an eine zu realisierende Glaubensbereitschaft, beide Ereignisse in einem zu sehen; sie so zu sehen, dass das Licht der Verklärung das Licht der Vernichtung überstrahlt.[4]
Immer wieder wird mir bewusst, welch radikalen Anspruch der Zen-Weg an uns stellt und welchem Anspruch wir uns stellen, wenn wir ihn „in allem Ernst“ gehen wollen. In manchen Kōans wird ein sogenanntes “Kehrwort” (jap. gyakugo) verlangt: ein kurzes, wendendes Schlüsselwort, das die Richtung des Geistes umkehrt und lebendige Einsicht, eine neue befreiende Perspektive zeigt. Genau das geschieht hier in einer neuen, unerhörten, ja unermesslichen Dimension: Im freien geistigen Bewusstseinsakt der Umdeutung des totalen Vernichtungssymbols Atombombe in ein totales Lebens- und Hoffnungssymbol wird die Kernbotschaft des Christentums wie auch der radikale Anfänger-Geist des Zen verwirklicht: für mich persönlich als Übende hat diese Umdeutung einen absolut aufrüttelnden und inspirierenden Charakter, eine solche Sprengkraft, dass ich mich unendlich motiviert fühle. So hoffe ich, dass sie auch Euch Motivation sein kann! Lassen wir uns ermutigen und anstecken von diesem Geist!! der uns befähigen kann, die aktuelle krisenhafte Weltsituation für uns umzuwandeln in das Motiv, gerade diese Situation als Einweisung in den Weg, in das Wesen zu sehen.
Dies ist alles andere als leicht:
Für jeden, der in Verantwortung steht, und das ist eigentlich jeder Christ, ist eine zweifache Bemühung existentiell wichtig: Jeder muss sich begründen im wahren Grund seiner Zuversicht, tief und immer tiefer. Zugleich soll er möglichst alle Fakten zur Kenntnis nehmen, die nach menschlichem Ermessen die Zuversicht bis auf den Grund vernichten könnten, wenn da nicht noch anderes wäre, was über das menschliche Ermessen hinausginge. Nur jene Zuversicht ist begründete Zuversicht, die die Last aller vorhandenen Fakten aushält. Wer sich in diese immer neu geprüfte und angefochtene Zuversicht hineinbegibt, [und] um ihre Abgründigkeit weiß …, dem wird eine zweifache Gnade zuteil. Es ist die eine Gnade, dass er in der Zuversicht bleibt. …Und es ist die andere Gnade, dass er auch [selbst] bis auf den Grund versteht, wie jemand tief frustriert sein kann.[5]
Es gilt also, die Weltlage ganz nüchtern und realistisch zu sehen, in all ihren Gefahren, ihren Qualen und in ihrer existentiellen Bedrohtheit. Es gilt, die Augen nicht zu verschließen, jegliche Naivität einer „Glaubensgewissheit“ im Sinne eines „es wird schon werden“ zu vermeiden. Es geht tatsächlich darum, sich selbst und die eigene Zuversicht angesichts der Weltsituation stets neu auf den Prüfstand zu stellen, sich sogar immer wieder neu anfechten zu lassen, die darin liegende „Abgründigkeit“ der menschlichen Existenz und deren letzte Geheimnishaftigkeit zu erkennen und gerade dies zum Motiv werden zu lassen, tiefer zu gehen:
Laut Pater Johannes ist die[se] Vision von Pater Lassalle
„keine „Aussicht“[6], sie ist eine „Einsicht“, in der der Mensch … die unendliche Wirklichkeit sieht in sich selbst. Erst wenn der Mensch in jedem Menschen sich selber sieht, ist er von dem Wahn-Sinn geheilt, er könne seine eigene Existenz durch Vernichtung anderer sichern. Im anderen sich selbst zu sehen, ist die wahre friedensstiftende Einsicht nach Hiroschima. ……
[Darum] lasset uns beten, lasset uns weinen, lasst uns die Kraft unserer Leidenschaft entfalten, damit wir auf diesem Weg bleiben und eine immer klarere Orientierung und eine immer tiefere Motivation bekommen.[7]
Welch flehentlicher Appel und doch auch: welche Möglichkeit! Unsere Möglichkeit!
Ich möchte schließen mit einem Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja:
Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?
Ja, ich lege durch die Wüste einen Weg, Ströme durch die Einöde.
(Jesaja 43,18-19)
Danke!
Petra Schmitz-Arenst
[1] KI Abfrage.
[2] (jap. setsu/sesu = berühren, shin = Geist/Herz).
[3] (Das Wunderbare ist möglich. Seite 92-93).
[4] P. Johannes Kopp SAC, Die Weltfriedenskirche als Symbol, Hrsg.: Freundeskreis LadM, 20027, S. 4.
[5] P. Johannes Kopp, Schneeflocken fallen in die Sonne, 1999, 2. Auflage, S. 37.
[6] Die Anführungszeichen bei „Aussicht“ und „Einsicht“ stammen von Pater Johannes selbst.
[7] Die Weltfriedenskirche als Symbol, S.37-39.

