Die Übungsweisen in der ZEN-Meditation

Wie sehen die Übungsweisen in der ZEN-Meditation aus? Es geht hier nicht um die äußeren Haltungen und die dafür empfohlenen Regeln, sondern um die sog. innere Haltung.

1. Im Zen, dies vorab, werden grundsätzlich keine Mantras benutzt. Es werden keine Bild- oder Wortmeditationen im Sinne von Betrachtungen gemacht. All dies gibt es nicht. Man spricht daher häufig von Zen als einer nicht-gegenständlichen Meditation. Daraus wird leider (allzu) häufig der Schluss gezogen und dummerweise versucht, in der Meditation selbst irgendwie umzusetzen, nämlich den, sich all seiner Gedanken, Gefühlsimpulse, Erinnerungsfetzen usw. zu entledigen. Ein frustrierender Irrweg, der zuweilen auch, wie es ein Zen-Meister der Vergangenheit bezeichnete, zu „atmenden Leichen“ führt.

2. Es gibt, um es positiv aufzuzählen, folgende innere Übungsweisen:

–      Das Zählen der Atemzüge,
–      Das bloße Achten/Wahrnehmen/Begleiten des Atemgeschehens,
–      Shikantaza, die Übung des „Nur-Sitzens“
–      Das Üben mit einem sog. Koan.

Beginnt man mit Zen, wird man am besten mit der erstgenannten Methode üben. Diese kann dann in natürlicher Weise irgendwann übergehen in die zweite und die dritte Methode. Die vierte Kategorie ist allein formell von einem autorisierten Zen-Lehrer oder einer solchen Zen-Lehrerin als Schüler oder Schülerin angenommenen Übenden vorbehalten. Aber auch beim Üben mit den anderen Methoden ist ein Kontakt mit einem Zen-Lehrer oder einer Zen-Lehrerin von nicht zu unterschätzendem Wert.

3. Ich möchte mich hier in diesem Impuls vornehmlich mit der Übung des Atemzählens befassen.

Für den allerersten Beginn soll, so wird allgemein empfohlen, sowohl das Einatmen wie das Ausatmen gezählt werden. Beim Einatmen also „eins“, beim Ausatmen „zwei“ und so weiter bis zehn. Dann fängt man wieder mit „eins“ an und so weiter wieder bis „zehn“. Hilfreich kann es am Anfang sein, beim Zählen lautlos oder sogar hörbar (wenn man allein ist) vor sich hinzuflüstern. Letztlich sollte man sich aber mehr und mehr auf das innerliche Zählen konzentrieren. Und zwar, indem man die Stimmbänder belastet, ohne irgendein Geräusch zu verursachen. Es kann sein, dass man, wenn man beim Einatmen „eins“ gesagt hat, und gleich darauf das „zwei“ folgen lässt, ein unangenehmes Druckgefühl in der Brust verspürt. Deshalb lasst nach dem Einatmen mit „eins“ erst ein klein wenig Luft aus der Lunge entweichen, ehe ihr „zwei“ sagt.[1] M.a.W. zählt gelassen, verhalten. Kein Stakkato. Ihr werdet auch feststellen, dass der Einatmungsvorgang viel zügiger abläuft als der Ausatmungsvorgang, wenn Ihr strikt darauf achtet, dass ihr in einer tiefen Bauchatmung verbleibt.

So fangen wir also an, brav zu zählen und plötzlich, mittendrin, geschieht was? Ein Gedanke zuckt auf. Ein anderer folgt und schleichend schweifen eure Gedanken umher. Sie erzählen sich quasi Geschichten oder versuchen, ein Problem zu lösen oder es krampfhaft loszuwerden, und so weiter und so fort. Und jäh wird euch dann bewusst, dass ihr nicht mehr gezählt habt und mehr noch, dass ihr auch gar nicht mehr wisst, bei welcher Zahl ihr wart. Egal was, wann und wie euch aus der Spur des Zählens herausgebracht hat: Nur wahrnehmen, dass es geschehen ist, und wieder einfach von vorne anfangen zu zählen! Eine wunderbare Methode buchstäblich selbst an sich zu erfahren, wie sehr wir immer wieder abgelenkt werden und dass bloße Willenskraft nicht vermag, das abzustellen oder durchgängig zu lenken, was nun mal die Tätigkeit unseres Gehirns und unseres unterscheidenden Bewusstseins ist.

Der „Trick“ der Zählmethode ist deshalb, unser Gehirn zu beschäftigen, indem wir uns und unser Bewusstsein auf das Zählen ausrichten und so lange wie möglich in der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung des Zählens bleiben. Daher zählen wir nicht kurz und knapp oder abgehackt, sondern wir lassen die gesprochene Zahl sich mit dem Atemzug in jeweils möglichst großer Deckung verbinden sowie zeitlich und auch räumlich der jeweiligen Richtung von „ein“ und „aus“ folgen. Dabei ist die Richtung „aus“ allerdings eher eine Richtung „nach unten“ in Richtung Unterbauch. Und in Richtung eines nach unten aus den Nasenlöchern oder durch den leicht und entspannt geöffneten Mundes ausfließenden Luftstroms.

Ich persönlich empfehle den meisten Anfängern oftmals auch die zweite Zählmethode, nur die Züge des Ausatmens von „eins“ bis „zehn“ zu zählen. Denn das Einatmen geschieht meistens ja völlig unproblematisch und wie selbstverständlich. Wo wir „fehleranfällig“ sind, ist eher das Ausatmen. Und zudem ist das richtige, nicht manipulierte, also natürliche und tiefe Ausatmen von erheblicher Bedeutung, um in den sog. Versenkungszustand kommen zu können, dem, was man mit Wort „Samadhi“ bezeichnet. Eine Verfassung, in der wir vollständig absorbiert sind, dem bewussten und gewolltem Zugriff unserer Verstandeskräfte entzogen.

Beim Atemzählen jeglicher Art ist sowohl eine ganz konzentrierte als auch eine allumfassende Aufmerksamkeit erforderlich. Man muss sich nämlich auf das „Sprechen“ der Zahl konzentrieren und zugleich aufpassen, dass man nicht den Faden verliert und auch den Bezug zu diesem konkreten Atemzug jetzt gerade behält.

Je mehr man sich auf den einzelnen Atemzug und seine Zahl konzentriert, wird es schwieriger, dies zu tun. Es bedarf oftmals äußerster Anstrengung dies hinzukriegen und den Faden nicht zu verlieren. Deshalb ist nur natürlich, dass wir so oft mit dem Zählen nicht bis „zehn“ kommen, es sei denn wir schummeln. Aber davon rate ich dringend ab. Denn es ist eine wichtige Erfahrung, seine persönlichen, eigenen Abschweifungs- und Ablenkungsmuster zu erleben und mit ihnen geduldig umzugehen.

4. Nur ganz kurz zu den restlichen Übungsmethoden.

Wirklich in Shikantaza zu sitzen ist ungeheuer schwierig und wird m. E. zu Recht als die schwierigste Übungshaltung angesehen. Es ist ja eben nicht eine höhere oder gehobene Form des Dösens. Ich habe noch keinem Schüler oder keiner Schülerin diese Methode gegeben.

Bleibt das Üben mit einem Koan. Eine das Zen spezifisch auszeichnende Übungsweise. Diese bedarf der kontinuierlichen Begleitung durch einen Lehrer oder einer Lehrerin, um Irrwege und Probleme des Übenden zu verhindern und konkrete Übungsimpulse geben zu können, damit der oder die Übende weiterkommt und nicht steckenbleibt. Berühmt ist das Koan „MU“ oder „der Ton der Einen Hand“. Das Koan MU wird auch in unserer Linie als erstes Koan gegeben. Es hat sich als ein sog. Durchbruchs-Koan seit Jahrhunderten als effektiv erwiesen. Oftmals kauen SchülerInnen jahrelang daran herum. Aber nicht erst mit einer von einem Lehrer oder einer Lehrerin bestätigten „Lösung“ des Koans zeigen sich „Früchte“ der Übung durch regelmäßiges Sitzen alleine, in Gemeinschaft in Abendmeditationen oder Zazenkais, und in Sesshins. Nein, schon die ganze Zeit der Übung in allen „Auf und Abs“ bewegt sich bemerkbar, aber auch (zunächst) unbemerkbar, im Einzelnen eine ganze Menge hin zu mehr Natürlichkeit, Unmittelbarkeit, Offenheit, Mitgefühl und dies alles in neuer Freiheit.

Dies gerade Gesagte gilt im Übrigen in ähnlicher Weise auch für die, die mit dem Atemzählen üben!

Danke!

KF

 

[1] Vgl. zu alldem ausführlich Katsuko Sekida, Zen-Training, Fünftes Kapitel, S. 68 ff. (3. Auflage).