Bitte nicht müde werden!

Ganz am Ende der Koansammlung „Hekiganroku – Die Niederschrift vom blauen Fels“, herausgegeben von Peter Lengsfeld und kommentiert von Yamada Kôun Roshi, steht der Satz von Yamada Kôun:

„Nun, lasst uns alle unser Bestes tun, so lange uns Zeit dafür gegeben ist.“

Was für eine Motivation! Für mich persönlich jedenfalls. Stärker kann man wohl kaum formulieren und in Erinnerung bringen, wie viel Zeit vielleicht doch von mir immer wieder „verplempert“ wird, oder?

Andererseits ist es natürlich auch nicht richtig, sich nun gleich wieder in die Leistungsspirale hineinzubegeben. Aber die Wertschätzung der eigenen Zeit, des eigenen Lebens in der Zeit wird doch deutlich erhöht.

Warum sitze ich eigentlich überhaupt? Tage, Wochen, Monate, Jahre, sogar Jahrzehnte lang? Haben vielleicht doch Verwandte oder alte Freunde recht, wenn sie seit langem mit einigen Sorgen und Ängsten diese Entwicklung beobachten? Wer weiß das schon alles so genau?

Jeder und Jede hat natürlich ein individuelles, eigenes Motiv. Für mich persönlich war jedenfalls schon sehr schnell klar, dass ich auf diesem Zen-Weg wohl doch endlich in irgendeiner Form die Antworten, die ich an das Leben stellte, „beantwortet“ bekommen könnte. Also hatte ich ein sehr starkes Motiv, mich darauf einzulassen, und wenn man mal so richtig am Haken hängt, wird es auch irgendwann zum Selbstläufer und trägt durch die Zeit.

Denn wer es schon einmal mit Zen-Meditation oder Zen-Kontemplation versucht hat, der wird bald merken, dass es mitnichten nur schön und/oder entspannend ist. Oft eher im Gegenteil. Es gibt genug Muskeln, Gelenke und Nerven, die sich, gefühlt alle, im Laufe der Zeit irgendwann und auf jeder Ebene bemerkbar machen, und zwar nicht zu knapp. Aber das ist alles vollkommen normal, wirft einen ziemlich schnell auf sich selbst zurück und zack, schon ist man mittendrin.

Merkwürdigerweise erhält man aber immer etwas mehr zurück, als man „aushalten“ musste. Der Gedanke alles hinzuschmeißen, ist meist bereits kurz darauf schon wieder weg, und das „kleine“ Ich hat sowieso beinahe ständig was zu meckern und auszusetzen. Also normal.
Aber: das „kleine“ Ich, also das sogenannte Ego, bitte nicht abwerten ! Es hat eine wichtige Funktion, ist unerlässlich zur Orientierung im Leben, und es gehört absolut dazu.

Den Umgang mit unserem Ego, dessen Annahme, bzw. die vollkommene Annahme von uns selbst erlernen und erfahren wir nach und nach, wenn wir dranbleiben an der Übung der Meditation. Mit Haut und Haar, mit ganzer Seele und ganzem Gemüt. – Das ist der Weg.

Und eine weitere wunderbare Motivation von Yamada Kôun Roshi aus dem erwähnten Buch kurz vor der oben genannte Stelle:

„Das Wichtigste von allem aber ist und bleibt das beharrliche und ausgiebige Sitzen. Gutes Zazen bringt unschätzbaren Gewinn für jeden, der übt, und reichen Segen für alle Menschen. Ihr werdet merken, wie sich eure Lebensumstände im Laufe der Zeit von selbst verbessern und euer Leben reichhaltiger wird. Bitte vertraut mir in dieser Hinsicht!“

Danke.

Ulrike Rögner-Fahrendorf