Wenn wir uns verneigen

Ich möchte heute auch noch etwas zum Thema Ehrfurcht sagen. Klaus hat ja bereits die letzten beiden Male darüber gesprochen. Ausgehend von dem Artikel über ein Buch des Psychologen Dacher Keltner zum Thema „Staunende Ehrfurcht als ein besonderer Weg zum Glück.“

Letztes Mal machte Klaus, wie ich finde, sehr gut den Unterschied zwischen Ehrfurcht als Gefühl und Ehrfurcht als innerer Haltung deutlich! Beides ist wichtig, keine Frage, aber die psychologische Herangehensweise bezieht sich vor allem auf die ganz praktische Verbesserung der Funktion, der Leistungsfähigkeit, Gesundheit und des Wohlbefindens des Menschen in möglichst überschaubarem Zeitraum. Hilfreich und notwendig, ganz sicher, aber eben nicht in unserem, dem spirituellen Sinne.

Es wäre, glaube ich, ein Irrtum zu versuchen über diese Art von womöglich gar „ehrfürchtigem Staunen“ auf unseren Weg zu gelangen. Das wäre wieder nur der Versuch über den Kopf, bzw. das Gefühl, mit Hilfe aller Sinne im Schnellkurs zum Ziel zu kommen. Ein Missverständnis.

Kleines Beispiel meinerseits: Ich hatte eine Zeit lang während eines Sesshins geglaubt, jetzt endlich verstanden zu haben, was ich machen müsste, um zur „Erleuchtung“ zu gelangen. Nämlich, dass es um größtmögliche Aufmerksamkeit mit allen Sinnen und dem ganzen Körper geht. Also habe ich gespürt und gemacht, bis ich dermaßen überempfindlich nur noch zitterte und darauf wartete und hoffte, jetzt gleich sozusagen endlich den großen Sprung zu machen! Niklaus Brantschen, bei dem ich damals im Sesshin war, erklärte mir dann, dass es nicht ums Immer-sensibler-Werden ginge, sondern ums Transparent-Werden!! Und schon gar nicht ums Machen…! Tja, so können ganz schnell Missverständnisse entstehen und uns, ohne qualifizierte Begleitung schwer in die Irre führen!

Wenn wir auf dem Zen-Weg sind, ergibt sich die Ehrfurcht als innere Haltung von alleine. Und zwar, wie soll es anders sein, nicht über den Kopf oder das Gefühl, sondern ausschließlich über die Erfahrung! Und zwar die jedes Einzelnen.

Es geht nun mal nicht anders.

Übungen aller Art kann man auf unserem Weg ja ebenfalls machen, dauernd und überall, aber dabei geht es wie immer nicht ums Machen, sondern ums Lassen.

Ein buddhistischer Mönch erzählte mir einmal, dass es bei ihnen die Übung gäbe, die großen Verneigungen 52mal hintereinander zu praktizieren. Das wäre sehr hilfreich, um demütiger zu werden. Ich habe es versucht, aber für mich wurde es schließlich eher zur sportlichen Herausforderung. Eine gute Übung ohne Zweifel, aber in diesem Ausmaß nichts für mich.

Auch in unserem Programm vollziehen wir diese großen Verneigungen ja, nämlich dreimal am Schluss jedes Meditations-Abends oder -Tages. Ihr kennt sie alle. Und in der Tat empfinde auch ich sie als wunderbare Übung für Demut und Ehrfurcht.

Mit dem Kopf, d.h. der Stirn den Boden berühren und die Hände, die neben dem Kopf auf dem Boden liegen, so drehen, dass die Handflächen nach oben zeigen und parallel zum Boden nach oben angehoben werden. Sodass wir sozusagen den Buddha, der mit seinen Füßen auf oder in unseren Handflächen steht, nach oben, d.h. über uns stehend erheben.

Wenn wir diese Bewegung so aufrichtig und verinnerlicht wie möglich vollziehen, uns darauf einlassen, unseren Kopf so tief zu neigen, und uns damit unterhalb von etwas setzen, kommt eigentlich sofort die Demut auf, die das Beste ist, was passieren kann, indem sie uns sofort in die richtige innere Haltung bringt.

Dies ist dann genau die Haltung, mit der wir auch täglich jederzeit im Alltag üben können. Egal, wen oder was auch immer wir glauben dort auf oder in den Handflächen stehend/seiend zu erheben. –

Absolut gleichwertig damit ist für mich die Zeile im „Vaterunser“: … „Dein Wille geschehe“ … Diese Bitte zu äußern, sie wirklich so zu meinen und sich vollkommen darauf einzulassen, ist nichts anderes, als die o.g. Niederwerfung. Die eine im Tun und die andere in Worten.

Ganz zu dieser Bitte werden!

  • So oder so.
  • Im Sinne von gleichwertig.
  • Und, wie Pater Kopp oft sagte: „menschenmöglich“.

Das ist letztendlich die genaue Beschreibung des Weges, auf dem wir hier alle unterwegs sind. Die tiefe und eben auch nicht wirklich beschreibbare Ehrfurcht ist dann ganz von alleine da. Und sie gilt gegenüber jedem und allem. Absolut ungeteilt und unbegrenzt, zeitlos und vollkommen selbstverständlich.

Danke.

UR-F